Leben und Tod

Ja, um nichts weniger als um Leben und Tod geht es in diesem Beitrag. Die schwere Erkrankung und schliesslich der Tod meiner Mutter haben mich zum Jahresende stark beschäftigt. Entsprechend war ich nicht frei für einen neuen Beitrag von Männerherz. Die übrigen Themen sind etwas in den Hintergrund geraten, und das grosse Thema war mir noch zu nah.

Mit meiner Mutter habe ich auch „meinen grössten Fan“ verloren, wie es meine Tochter über ihre Grossmutter an der Abschiedsfeier ausdrückte. Sie war auch eine fleissige Leserin und Kommentatorin meiner Aktivitäten auf Männerherz. Sie staunte darüber, was da alles abging. Und wie es ihre ureigenste Art war, respektierte sie es, auch wenn es nicht unbedingt ihre eigenen Themen waren. Aber sie fand es spannend und gut, dass ihr Sohn seinen Weg geht und dabei offenbar glücklich ist. Also, diesen Beitrag widme ich meiner Mutter, die mich in ihrem Sterbeprozess vieles gelehrt hat. Es ist bei aller Trauer auch ein wunderbares Geschenk, wenn man einen lieben Menschen in seinen letzten Tagen begleiten darf.

Es gab bei meiner Mutter schon einige Warnzeichen, dass es ihr gesundheitlich nicht gut ging. Aber dann ging es plötzlich extrem schnell. Vom Besuch beim Hausarzt, der sie zur Radiologie und dann zu Spezialisten schickte, bis zum Tod dauerte es keinen Monat. Als ich die Mutter ins Spital für weitere Untersuchungen begleitete, wurde mir klar, dass es sehr schlecht um ihre Gesundheit stand. Ich konnte mir dann glücklicherweise öfters frei nehmen, um möglichst viel Zeit mit meiner Mutter zu verbringen. Wir hatten dabei sehr tiefgehende Gespräche, auch wenn die Schmerzmittel ihren Geist benebelten.

Die erste Lektion, die ich in dieser Zeit am Kranken- und Sterebebett lernen durfte: Wer seine Hausaufgaben gemacht hat, der kann dem Ende mit Würde und Dankbarkeit entgegengehen. Als meine Mutter die Diagnose (weit fortgeschrittener Tumor, keine Heilungschancen) erhielt, nahm sie es sehr gefasst auf. Sie machte es uns leicht, gleichzeitig traurig und dankbar zu sein. Wir hätten noch so viel zusammen unternehmen wollen, doch es war klar, dass dies nicht mehr möglich sein würde. Keine gemeinsamen Marktbesuche mehr, kein gemeinsames Pilzesammeln, keine Besuche mehr an Geburtstagen und bei anderen Gelegenheiten. Wie froh war ich nun, dass ich in den letzten Monaten diese gemeinsamen Marktbesuche wenn immer möglich auch unternommen habe. Wir mussten uns beide keinen Vorwurf machen, dass wir etwas verpasst hatten. Und wir waren uns einig: Es ist traurig, weil es eben gut und schön war. Das gehört irgendwie zusammen. Bei meiner Mutter war das vorherrschende Gefühl die Dankbarkeit. Sie bedankte sich ständig bei uns und beim Pflegepersonal. „Es geschehen Wunder“, meinte sie einmal. Und auf meine Frage, was sie damit meine, antwortete sie: „die vielen netten Menschen hier“. Tja, so wie man die Menschen behandelt, so behandeln sie einen. Eine weitere Lektion fürs Leben…

Neben dem Dankesagen („merci vielmol“) äusserte meine Mutter in ihrem Sterbeprozess mehrmals ihre Verwunderung über das Leben und den Tod. Sie meinte öfters, es sei „interessant“, was da abgehe. Und ganz philosophisch meinte sie dann noch erläuternd, das Leben sei vielschichtig. Ich hatte den Eindruck, dass sie mehrmals schon auf halbem Weg in eine andere Welt war. Sie wachte jeweils auf und war dann erstaunt, dass sie noch „halb am Leben und halb schon tot“ sei. Oder dass sie halb gestorben sei. Ich fragte sie, ob sie schon drüben gewesen sei, da lächelte sie. Ich fragte, was sie gesehen habe, und sie beschrieb schöne Blumenwiesen. Solche, wie ich sie gerne fotografiere. Ja, die Liebe für Blumen, für Blumenwiesen vor allem in den Bergen, die habe ich von meiner Mutter mitgekriegt.

Das wurde mir in diesen Tagen auch wieder bewusst: In mir stecken nicht nur 50% der Gene, sondern auch ganz viele von der Mutter gelernte oder indirekt vermittelte Vorlieben, Eigenarten, Wissen, Verhaltensweisen.

Eine weitere Lektion: Wer mit sich und seiner Umwelt im Reinen ist, kann leichter gehen. Ich fragte meine Mutter, ob sie Angst habe zu sterben. Sie verneinte. Ich fragte sie, ob sie möchte, dass jemand bei ihr sei, wenn sie stirbt, sie verneinte auch dies. Und so hat sie es denn auch durchgezogen. Wir entschieden mit ihr, dass keine lebensverlängernden Eingriffe mehr gemacht werden. Als dann die Pflegerin wieder ihren Blutdruck und den Blutzuckerspiegel messen wollte, fragte Mutter, ob es das denn noch brauche? Und natürlich hatte sie Recht: Nach diesem Entscheid machte dies keinen Sinn mehr. Sie hatte dessen Tragweite klar erkannt und sah auch die Vorteile darin. Da sie mittlerweile nichts mehr ass (der Magen konnte nichts mehr aufnehmen) und nur noch wenig trank, ging es dann rasend schnell. Nach nur zwei Tagen auf einer Palliativ-Station (10 Tage nach der Diagnose), starb meine Mutter früh am Morgen. Meine Schwester und ich waren auf dem Weg zu ihr, doch als die Pflegerin uns die Nachttüre öffnen kam, machte sich die Mutter auf ihre letzte Reise. So wie sie es gesagt hatte: alleine.

Das Sterben und der Tod gehören zum Leben, das wurde mir in diesen Tagen und Wochen klar. So wie wir gelebt haben, werden wir auch sterben. Für mich hat das Beispiel und Vorbild meiner Mutter verdeutlicht, dass wir am Ende unseres Lebenskreises ernten, was wir gesät haben. Und auf dem Sterbebett zählt nur noch, was wir unseren Mitmenschen, unserer Familie mitgegeben haben. Alles andere verblasst und vergeht in Windeseile. Materielles zerfällt, wie der Körper, den die Seele verlassen hat. Und was mir auch deutlich gemacht wurde: Auch meine Tage sind gezählt. Auf die Frage, was sie denn anders machen würde, wenn sie noch länger lebte, meinte meine Mutter, sie würde es noch mehr geniessen. Also: Wir sollten achtsam und intensiv leben, das tun, was uns wichtig ist. Das wäre eine weitere Lektion.

Hier im Blog geht es natürlich auch um den Bezug zum Mannsein. Ich habe von vielen Menschen anerkennende Worte erhalten, weil ich so offen über meine Gefühle der Trauer und über das Sterben gesprochen habe. Ich denke, dass man überrascht war, dass ein Mann so spricht. Man ist sich von Männern immer noch nicht gewohnt, dass sie Gefühle zeigen. Ich finde es aber wichtig, dass wir Männer weinen, wenn wir traurig sind. Ganz wie es im Lied heisst, das wir in der Manngeburt gesungen haben:

Wer tanzt wie eine Feder, brüllt wie ein Löwe
Wer weint wie der Regen und ruht wie die Nacht,
Der hat die Länder seiner Seele durchschritten,
der hat gelebt, geliebt, gelacht und gelitten,
ist dabei ganz geworden.

Wer weint wie der Regen – das gehört zu einem „richtigen“ Mann, zu einem Wahren Erwachsenen. Für mich war es auch ein Zeichen von Dankbarkeit für alles, was war, für alles, was mir meine Mutter gegeben hat und eine Ehrerweisung, dass ich dies mit meinen Tränen würdigen konnte.

Und aus Männersicht scheint mir wichtig, dass uns am Schluss nur das bleibt, was wir unseren Mitmenschen mitgegeben haben. Das bedeutet, dass wir nicht genug in unsere Beziehungen investieren können. Und das ist bekanntlich nicht gerade eine Männerdomäne.

Die Zeit der Begleitung und dann auch die Arbeiten nach dem Tod mit der Vorbereitung und Durchführung der Abschiedsfeier haben mich stark in Anspruch genommen. Ich war danach extrem müde und hatte das Gefühl, dass meine Reserven aufgebraucht waren. Am Tag nach der Abdankung ging ich wieder zur Arbeit und war am Abend fix und fertig. Das war für mich ein klares Zeichen, dass ich es ruhig angehen muss. Ich fühlte mich gerade auch nach der Manngeburt stark und konnte vieles tragen, aber gleichzeitig konnte ich auch die Schwäche fühlen und mir zugestehen. Mittlerweile habe ich mich nach den Feiertagen und vier Tagen Auszeit mit meiner Geliebten in den verschneiten Bergen wieder erholt – und fühle mich bereit, das Erlebte auch in Worte zu fassen.

Und irgendwie fühle ich, dass meine Mutter von oben weiterhin verfolgt, was ich hier mache und ihre Freude daran hat, dass wir unser Leben hier weiterleben – mit der Erinnerung an sie im Herzen.

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