Animus und Anima

Eigentlich stecke ich schon voll in der geistigen Vorbereitung auf unsere Visionssuche als Abschluss der Manngeburt. Und doch hat sich noch ein Thema in den Vordergrund gedrängt, das ich euch nicht vorenthalten möchte. Ausgehend vom wirklich starken Buch von Veit und Andrea Lindau „Königin und Samurai: Wenn Frau und Mann erwachen“ war in den letzten Tagen das Thema Animus und Anima sehr präsent. Es war quasi das Leitmotiv für die gemeinsamen Ferien mit meiner Liebsten.

Für mich, der sich ja gerade im Prozess der Manngeburt befindet, war der Aspekt des weiblichen Anteils sehr befruchtend. Zuerst war es etwas überraschend und etwas quer gedacht, doch dann wurde schnell klar, dass auch bei der ganzen Mannwerdung, bei der Entwicklung zum ganzheitlichen Mann, die weiblichen Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Auch wenn wir uns in der Manngeburt vordergründig den vier männlichen Archetypen widmen, wirken die weiblichen Anteile immer mit. Und für unsere Beziehung ist es sehr bereichernd, wenn wir uns dieser Anteile gegenseitig bewusst werden. Ich zitiere hier eine Passage aus dem Buch:

Die Aufgabe zweier wacher Beziehungspartner muss also darin bestehen, auf der einen Seite bewusst Verantwortung für den eigenen Ich-Werdungs-Prozess zu übernehmen, den eigenen Geschlechtspol stark und klar zu entwickeln und gleichzeitig die Verbindung zu nutzen, um den in dir eher verborgenen Aspekt (beim Mann die Anima, bei der Frau der Animus) achtsam kennenzulernen und auf eine dir angemessene Weise zu integrieren. (Königin und Samurai, Seite 198)

Wer gerade keinen Beziehungspartner hat, der wird sich zuerst ganz dem eigenen Prozess widmen dürfen. Und wer eine Partnerin hat, mit der er diesen Prozess gemeinsam bewusst durchleben kann, der darf sich glücklich schätzen. Veit und Andrea Lindau beziehen sich hier (wie viele andere Autorinnen und Autoren) auf C.G. Jungs grundlegende Erkenntnisse. Sie beschreiben es in ihrem Buch sehr anschaulich und beziehungsnah. Sie zeigen auf, welche Stufen die Beziehung durchläuft. Und sind dabei bei der Darstellung der Kleinfamilie ziemlich schonungslos. Hier wird oft nicht nur die Arbeit einseitig verteilt, sondern auch die Seelenanteile des anderen vernachlässigt. Für eine gesunde Beziehung ist es wichtig, dass man zunächst die Anteile seines eigenen Geschlechts lebt, sich also als Mann bewusst mit seinem Mann-Sein auseinandersetzt. Genau das hat mich zur Manngeburt geführt. Ich will diese Anteile kennenlernen und bewusst leben – auch die Schattenanteile. Es gibt also auch beim eigenen Pol Anteile, die wir unterdrücken, nicht beachten, verdrängen. Und häufig leben wir dann die aktiven oder passiven Schattenanteile. Statt den Liebhaber zu entwicklen, verfallen wir der Sucht (aktiv) oder in Depression (passiv), statt König zu werden, werden wir zum machtausübenden und -missbrauchenden Tyrannen (zu sehen bei #metoo) oder zum Schwächling und so weiter. Ich denke, es macht Sinn, sich zunächst mit dem eigenen Pol zu beschäftigen. Doch in einer Beziehung spielen automatisch auch die Aspekte des anderen Pols mit hinein. Entsprechend läuft der Prozess häufig parallel.

Am Beispiel der Kleinfamilie zeigen Veit und Andrea Lindau, wie der Mann seine Anima-Anteile häufig vollkommen an die Frau delegiert. Er zieht sich auf seine vordergründig männliche Rolle zurück und überlässt die Beziehungsarbeit mit den Kindern und in der Familie der Frau. Er sorgt für die materielle Grundlage und ist hauptsächlich im Aussen aktiv. Dabei ist es für unsere Entwicklung zu einem wahren Erwachsenen entscheidend, dass wir auch diese Anteile des anderen Pols fühlen und in unser Wesen integrieren. Als Mann darf ich/muss ich auch Gefühle zulassen, zärtlich sein, mir etwas Gutes tun. Ich darf auch einmal schwach sein, nicht mehr mögen, weinen. Nur wenn wir diese Aspekte auch leben, werden wir vollständig. Wenn ich dies an meine Partnerin delegiere, fehlen mir wichtige Eigenschaften. Ich kann so nicht glücklich sein.

Dann regt sich häufig der Animus bei den Frauen. Spätestens wenn die häusliche Rolle nicht mehr als erfüllend wahrgenommen wird. Sie wird aktiv im aussen, sucht nach „mehr“. Und dann gerät seine Rolle ins Wanken. Jetzt wird es nämlich gefährlich für die Kleinfamilie und die alten Muster. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Der Mann kann dann mitgehen und seinerseits die vernachlässigten Anima-Anteile anschauen und integrieren. Aber das klappt nur, wenn sich beide diese Entwicklung bewusst machen und sie sich gegenseitig zugestehen.

Was sind denn nun aber die Animus- und welches die Anima-Anteile? Wenn du in einer Beziehung bist, kannst du dir das mit deiner Partnerin zusammen anschauen. Das ist ziemlich spannend… Ich habe in einem früheren Blogbeitrag mit Bezug auf Robert Betz (So wird der Mann ein Mann!, S. 198) Elemente des männlichen Prinzips (also Animus) und des weiblichen Prinzips (Anima) aufgeführt. Das mag etwas klischeehaft wirken, doch beschreibe ich damit nicht den Mann oder die Frau, sondern die männlichen und die weiblichen Prinzipien, von den wir (wie oben gesagt) gewisse Anteile leben sollten. Dem Animus wird somit zugeordnet: Machen, Tun, Denken, Reden, Kontrollieren, Urteilen, Führen, Anspannen, Einatmen, Schenken, Arbeiten, Erschaffen, Ziele Verfolgen, Planen, Haben. Der Anima entsprechend: Geschehen Lassen, Sein, Fühlen, Schweigen, Vertrauen, Gelten Lassen, Dienen, Entspannen, Ausatmen, Empfangen, Spielen, Faulenzen, Sich führen Lassen, Intuition, Sein.

Du kannst dich jetzt fragen, ob du die Anteile des eigenen und des anderen Pols bewusst lebst? Wir Männer müssen oft auf die sehr harte Tour – zum Beispiel durch Krankheit – erfahren, dass wir es verpasst haben, uns mit unserer weiblichen Seite zu befassen. Und einmal zu sich selber zu schauen, es sich einfach gut gehen lassen, zu entspannen und nur zu sein. Probiere es mal aus: lasse dich bei einer Entscheidung komplett von der Intuition leiten, schalte den Verstand gar nicht ein. Lass einmal die Partnerin machen und dich einfach führen. Lass dich verwöhnen und geniesse es gestreichelt zu werden. Da sind noch viele Varianten möglich. Indem du diese anderen Aspekte der Anima lebst, kannst du auch die Aspekte des Animus besser fühlen.

Nochmals zurück zu den Archetypen. Ich habe mich einen Moment lang gefragt, ob wir mit diesen männlichen Energien nicht zu einseitig unterwegs sind. Ich habe mir dann die vier Archetypen etwas genauer angeschaut, und habe erfahren, dass sie durchaus auch Anima-Anteile enthalten. Nehmen wir den Liebhaber: seine Eigenschaften sind sehr eng mit der Anima verbunden: Der Liebhaber liebt, verbindet, vernetzt, verschmelzt, geniesst. Dies kann er nun aktiv oder eher passiv leben. Der mit allem und allen verbundene Liebhaber ist Anima pur. Beim Magier sind die Anteile sowohl Animus wie auch Anima-bezogen. Der Animus-Anteil ist der Wissende, der Macher, der Dinge geschehen lässt, der transformiert. Der Anima zuzuordnen ist die Intuition, die heilende Kraft. Beim König entspricht die Königin dem anderen Pol, und beide haben die Anteile des anderen integriert, wenn sie in ihrer vollen Kraft sein wollen. Der König ist der gute, strenge Vater, der gerecht handelt und für das Wohle aller sorgt (Animus). Die Königin strahlt in ihrer Kraft und Schönheit (Anima). Deshalb sorgt auch ein wahrer König gut für sich und sein äusseres. Beim Krieger schliesslich sehe ich fast hundertprozentig den Animus-Anteil. All seine Eigenschaften: Kraft, Energie, Aggression, Disziplin, Klarheit, Stärke ordne ich dem Animus zu. Ein Kriegerin hat demnach diese Animus-Anteile integriert – ähnlich wie der Liebhaber seine Anima-Anteile lebt.

Und im Kern sind wir dann entweder Wilder Mann oder Wahre Erwachsene und haben die Energien und Pole samt ihren Schattenanteilen bewusst integriert. Ich finde es wirklich aufregend, all dies gerade selbst erleben zu dürfen und mit meiner Partnerin auch in der Beziehung zu leben. Ich danke täglich dafür!

2 Gedanken zu “Animus und Anima

  1. Ein sehr interessanter Artikel. Dazu zu ergänzen: Wenn Männer und Frauen erfolgreich und gleichberechtigt miteinander arbeiten oder leben möchten, ohne sich bzw die eigene Geschlechterrolle aufzugeben, braucht es eine Auseinandersetzung mit dem eigenen und dem anderen Geschlecht. Missverständnisse werden weniger und die Kommunikation wird respektvoller. Das Gute dabei ist, der Mann darf Mann bleiben und die Frau eine Frau. Eine Buchempfehlung dazu: „Eva talks, Adam walks“ von Cristina Muderlak

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  2. Und hier noch ein Kommentar von Stefan Wolff (dem Erfinder der „Manngeburt“), den er auf Facebook gepostet hat:
    „Lieber Ruedi, ich stimme deinen tiefgründigen Ausführungen vollständig zu. In der Manngeburt behandeln wir das Animus-Animathema nicht explizit, weil in den männlichen Archetypen immer beide Aspekte enthalten sind. Wäre dem nicht so, wäre der jeweilige Archetyp ja unvollständig. Das wiederum entspricht nicht dem Zustand des Unbewussten, dessen Urbilder die Archetypen repräsentieren.“

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