Mannsein als Krankheit

Die Schweizer Sonntagszeitung widmet heute der Diskussion um „toxische“ Männlichkeit einen Beitrag unter dem Titel Psychologen erklären traditionelle Männlichkeit als «schädlich» (leider nur für Abonnent*innen zugänglich). Der Beitrag nimmt Bezug auf den umstrittenen Werbespot von Gillette und auf die Empfehlungen der American Psychological Association (APA). Darin heisst es sinngemäss: Die traditionelle Männlichkeitsideologie, die Elemente wie Leistung, Risiko, Dominanz, Vermeidung von Schwäche und Gewalt beinhalte, sei schädlich.

Das fordert geradezu einen Beitrag in diesem Blog, der sich dem Thema bewusstes Mannsein verschrieben hat. Und vor dem Hintergrund der Manngeburt, die sich sehr bewusst und in aller Tiefe mit allen Facetten des Mannseins befasst, möchte ich gerne ein paar Worte zur Diskussion beitragen.

Erstens: Mannsein ist so wenig eine Krankheit, wie es das Frausein war und ist. Zweitens: es gibt gute Gründe dafür, dass es Weiblein und Männlein auf dieser Erde gibt. Sie sind in unserer Gesellschaft etwas in den Hintergrund geraten, doch gibt dies uns die Chance, etwas grundsätzlicher darüber nachzudenken. Zwar hat uns das Höhlenbewohner-Dasein ziemlich geprägt, doch kämpfen wir im Alltag eindeutig nicht mehr mit denselben äusseren Bedingungen und Gefahren. Wir haben einen weiten Weg hinter uns, und es lohnt sich, sich einmal umzusehen, wo wir gelandet sind und was heute für uns wichtig und richtig ist. Das heisst für uns Männer, dass wir unsere Rollen hinterfragen dürfen und hinterfragen müssen. Es braucht uns nicht mehr als Ernährer, als Familienoberhaupt, als Jäger, als Kämpfer und Verteidiger des eigenen Hofs und unserer Familie. Und doch ist unsere Natur noch ziemlich von diesem Verhalten geprägt.

Wir haben uns im Rahmen der Manngeburt mit diesen Rollen, mit den männlichen Archetypen und auch ihren Schattenseiten befasst. Wir haben nicht darüber philosophiert, sondern uns in physischen Übungen mit diesen Aspekten auseinandergesetzt – sie gefühlt, sie einander gespiegelt. Im Kontext der Diskussion um toxische Männlichkeit, also um ein Macho-Verhalten, das schädlich ist für unsere Mitmenschen, scheint mir der Archetyp des Kriegers massgeblich. Es war für mich die grösste Herausforderung, aber auch die schönste und mächtigste Erfahrung in der ganzen Manngeburt, mich mit dem Krieger auseinanderzusetzen und mich mit ihm zu versöhnen.

Der Krieger beinhaltet in seiner Schattenausprägung praktisch alle Eigenschaften, die man unter toxischer Männlichkeit versteht. Ich habe oben die Stichworte Leistung, Dominanz, Risiko, Gewalt und Vermeidung von Schwäche genannt. Ja, sie stecken alle im Krieger: Er sucht gerne die Herausforderung, den Wettbewerb und die Leistung. Er kann andere dominieren (wobei das auch ein Thema des Schattenkönigs ist), er ist mutig und geht Risiken ein. Er verfügt über Aggression und kann Gewalt anwenden. Und er neigt nicht dazu, Schwächen einzugestehen, denn er setzt auf seine Kraft und Energie. Reden ist auch nicht so sein Ding. Das steckt tatsächlich alles in uns Männern. Es ist aber kein gesundes Verhalten, wenn wir diese Eigenschaften verdrängen. Das hat man lange von uns erwartet. Jedenfalls wurde ich so sozialisiert: So waren die Männer früher, heute brauchen wir neue Männer. Und wir wurden so zu halben Frauen erzogen. Nur eben: das ist nicht gesund, das macht krank. Was können wir also tun, wenn wir diese furchtbaren Eigenschaften des Kriegers nicht verdrängen sollen? Wir schauen uns den Krieger etwas genauer an, denn bisher haben wir nur seine negativen Seiten gesehen.

Der Krieger erkennt seine Stärke und seine Kraft, er drängt nach vorne und ist aggressiv – aber er tut dies nicht aus egoistischen Motiven, sondern er setzt diese Energie ein für eine höheres Ideal. Dieses Ideal wiederum liefert ihm ein anderer Archetyp, der König. In meinem Fall gibt der König vor, dass sich der Krieger für Liebe, Bewusstsein und Frieden einsetzen soll. Wenn diese in Gefahr sind, packt der Krieger sein Schwert aus und lehrt die Gegner das Fürchten. Der Krieger setzt Grenzen und sorgt dafür, dass sie eingehalten werden. Er ist klar, zielgerichtet und mutig. Und er beschützt die Schwächeren – und auch sich selbst. Gegenüber dem Krieger wird man nicht übergriffig, sonst gibt es eins auf die Finger. So alleine für sich wäre das ein ziemlich furchtbarer Mensch. Es ist einer, der anderen Schmerzen zufügen kann, weil er ohne Emotionen das tut, was getan werden muss. Ein Chirurg, der einen Brustkorb aufschneidet, oder ein Zahnarzt, der einen Zahn zieht, lebt diese Kriegerenergie aus. Ohne sie würde der Patient sterben oder leiden. Klar wird aus den Beispielen auch, dass natürlich auch Frauen diese Kriegerenergie haben. Und in seiner Schattenausprägung wird der unterdrückte und unentwickelte Krieger zum Sadisten. Hier wären wir dann tatsächlich bei der Krankheit. Wer Freude daran hat, andere zu quälen oder wer Gewalt ausübt, bei dem ist etwas schief gelaufen. Hier ist die Männlichkeit zum Gift geworden, das auch den Mann selbst vergiftet.

Wichtig ist nun aber, dass der Krieger eben nicht alleine in uns wirkt. Der Liebhaber sorgt dafür, dass der Mann Mitgefühl hat und sich mit allem und allen verbunden fühlt. Der Liebhaber kann Gefühle zeigen und auch darüber reden. Der Magier verfügt über Wissen und Intuition – er sorgt dafür, dass sich der Mann mit sich selbst auseinandersetzt und sich entwickelt. Und der König sorgt dafür, dass diese Elemente im Gleichgewicht sind. Er hat den Blick für das Grosse und Ganze. Im wahren Erwachsenen sind diese Kräfte im Gleichgewicht. Und je nach Situation kann man die verschiedenen Energien und Fähigkeiten einsetzen.

Um nochmals auf die eingangs erwähnte Diskussion zurückzukommen: Es geht nicht darum, dass der Mann oder dass typisch männliche Eigenschaften verteufelt werden. Wir Männer müssen uns mit unserer Natur auseinandersetzen, unsere Stärken und Schwächen kennenlernen. Sie annehmen – und über sie hinausgehen. Es lohnt sich! Es lohnt sich für dich selbst und es lohnt sich für deine Umwelt! Für mich war es ein sehr wichtiger Schritt, dass ich diesen Krieger mit seinem Gewaltpotential erkennen und annehmen konnte.

Das zeigt sich auch in der Sexualität. Zum Bild der toxischen Männlichkeit gehört auch der Mann als Vergewaltiger. Wir Männer sind potentielle Vergewaltiger. Das ist ein brutales Bild, das viele Männer davon abhält, ihre Potenz zu leben. Aber Frauen wünschen sich weder einen Vergewaltiger noch einen Schlappschwanz zum Partner. Es muss einen anderen Weg geben. Ich verwende nochmals das Bild des Kriegers. Ein Ergebnis meiner Manngeburt war, dass ich den Krieger als den Träger der Manneskraft erkannte. Der Krieger ist zuständig für meine Potenz. Ein Schattenkrieger könnte sie dazu verwenden, um zu vergewaltigen. Aber der wahre Krieger setzt diese Kraft dafür ein, um der Liebe zu dienen. Im wahren Erwachsenen dient diese Potenz dazu, dass der Mann sich liebevoll mit seiner Partnerin verbinden kann. Wenn ich in meiner Kraft bin, kann ich diese wunderbar kontrollieren und ganz in den Dienst der Liebe stellen. Es geht also auch hier nicht etwa darum, diese Potenz zu verachten oder zu verdrängen, sondern darum, sie ganz bewusst zu leben und zum Wohle des Ganzen einzusetzen.

Das wären so meine Gedanken zum Thema. Männlichkeit ist nicht gleich Krankheit – aber es gibt durchaus eine weitverbreitete krankhafte Form von Männlichkeit. Es ist unsere Verantwortung, diese Form zu überwinden und zu wahren Erwachsenen zu werden.

Ein Gedanke zu “Mannsein als Krankheit

  1. Stefan Wolff hat auf Facebook einen Kommentar gepostet, den ich gerne hier einfüge:
    „Als Begründer der Manngeburt kann ich diesen fantastischen Artikel mit jedem einzelnen Buchstaben unterschreiben. Endlich gibt es eine breitere Auseinandersetzung über dieses Thema. Danke Ruedi! 🙏“

    Gefällt mir

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