Das Ego als Freund

Was steckt denn eigentlich hinter dem Konzept vom Ego? Wir unterscheiden gerne zwischen dem äusseren („kleinen“) Ich und dem inneren Selbst, dem höheren Ich. Das Ego ist mit dem Verstand verknüpft, mit Emotionen und mit den Aktivitäten im Äusseren. Manchmal werden seine Erscheinungen und seine Wirkung als sehr negativ beschrieben (oder ich verstehe es zumindest so). Es scheint, als ob das Ego am Ende sogar die Erde zerstören könnte. Doch auch hier gilt: Nichts kann einfach nur schlecht sein…

Schauen wir mal, wie das Ego funktioniert und welche Aufgabe es hat. Unser äusseres Ich und die Ausprägung des Individuums sind fester Bestandteil unserer persönlichen Entwicklung. Vom Säugling zum Kind, zum Jugendlichen, zum Erwachsenen. Dabei bildet sich eine Identität, wir finden unsere Rolle und unseren Platz in der Gesellschaft (oder auch nicht). Das ist essentiell.

Wir verlieren dabei aber die Verbindung zum höheren Bewusstsein. Wir spalten uns ab, trennen uns vom Ursprung. Wir machen den Verstand zu unserem Wesen („ich denke, also bin ich“). Wir analysieren die Wirklichkeit, trennen und bewerten. Wir verlieren uns auch in unseren Rollen und Identifikationen, orientieren uns an äusseren Werten und verfolgen materielle Ziele. Wir machen uns abhängig von anderen Menschen und von materiellen Dingen.

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Gerstenfeld mit Kornblumen bei Widen

Das ist nun nichts Schlechtes, sondern ganz einfach der Weg, den wir Menschen gehen, gehen müssen. Nun kommt aber der nächste Schritt auf diesem Weg: wenn wir glauben, unsere Identität und unsere Rolle gefunden zu haben, wenn wir am Punkt angekommen sind, wo wir von uns sagen, wir seien erfolgreich oder wir seien gescheitert in unserem Leben, da dürfen wir erkennen, dass dies (noch) nicht alles ist. Wenn die äusseren Ziele erreicht oder endgültig verpasst erscheinen, macht sich eine andere Ebene bemerkbar. Es entsteht Unzufriedenheit oder besser man fühlt eine Unerfülltheit, eine Leere. Der Erfolg wird hohl, man ist müde, immer noch mehr und mehr erreichen zu müssen. Genug ist nie genug. Oder man ist resigniert, weil alles den Bach runter geht. Familienstrukturen verändern sich, die Partnerschaft gerät unter Druck. Und nun beginnt auch noch ganz offensichtlich der Körper abzubauen, sogar der Verstand. Die Halbzeit des Lebens ist vorüber, es geht dem sicheren Ende dieses Egos zu.

Auch hier können wir die ganzen Vermeidungsstrategien einsetzen, die uns schon früher „geholfen“ haben: verdrängen, nicht wahrhaben wollen, zudröhnen, flüchten, anderen die Schuld geben, resignieren… Das wäre der Weg des Egos.

Oder wir nutzen diese Chance und nehmen die Verantwortung für unser Leben wahr, das heisst für die Entfaltung des höheren Selbst. Wir anerkennen alles in unserem Leben Geschehene als wichtige Schritte auf unserem Weg. Wir nehmen liebevoll an, was wir in unserer Partnerschaft erlebt und erreicht haben – im Bewusstsein, dass wir und unsere Partner das getan haben, was uns und ihnen zu dieser Zeit möglich war. Auch unseren Eltern begegnen wir mit dieser liebevollen Haltung. Sie haben ihr Bestes gegeben.

Und wir erkennen, dass wir allein für unser Glück verantwortlich sind. Die Midlife-Crisis, denn quasi auf dem Höhepunkt unseres äusseren Lebens kommt diese Krise, ist somit eine grosse Chance, die alten Ego-Muster zu überwinden und uns für den Weg nach innen zu entscheiden. Der Körper zeigt uns das eigentlich an – nur fehlt uns oft der Mut, genau hinzuschauen und die Signale zu verstehen.

Meine Partnerin macht gerade die Ausbildung zum Seelenzentrierten Coach. Wir haben über die Inhalte gesprochen, und da sehe ich sehr plausible Antworten und Erklärungen für dieses typisch menschliche Verhalten. Auf der Grundlage des indianischen Medizinrads steht die Entwicklung von uns Menschen zum höheren Selbst im Zentrum. Ganz kurz: es geht darum, dass wir verschiedene Phasen durchleben (müssen), um dann aus unserer Mitte leben zu können. Mich erinnert das an die Geschichte von Parzival und ihre tiefere Bedeutung, die ich früher mal im Blog besprochen habe. Und in jeder Phase, die eben einem Element des Medizinrads entspricht, spielen die sogenannten fragmentierten Teile mit. Das sind vom ganzen Selbst abgespaltene Teile, die uns vor (weiteren) Verletzungen schützen wollen durch Vermeidungsstrategien (Sucht, Angst), Ausweichen (Opferhaltung, Anpassung), durch Verleugnen der dunklen Seiten oder durch Kleinmachen.

Das Ego (also die vom Sein abgespaltene Teile) will beschützen, das Bisherige bewahren und behindert oder verhindert dadurch die Entwicklung des höheren Bewusstseins. Aus Angst vor Verlust, Furcht vor negativen Reaktionen oder mangelndem Selbstvertrauen wagen wir den nächsten Schritt nicht. Im Konzept des Seelenzentrierten Coachings werden diese Aspekte des Ego erkannt und liebevoll angenommen und die in ihnen enthaltene Energie positiv genutzt. Wenn wir sie integriert haben, können wir bewusst von der Mitte aus leben. Das äussere, weltliche Ich (erwachtes Ego) dient dabei als Verbindung, als Kanal, um Bewusstsein in das Leben zu bringen.

Ich finde diese Sicht des Ego überzeugend. Es wird samt den nicht gerade liebsamen Eigenschaften und Verhaltensmuster angenommen und als Teil des ganzen Selbst anerkannt. Das Ego ist also nicht unser Feind, den wir bekämpfen und besiegen müssen, sondern ein Freund mit einigen Macken zwar, der aber unsere Verbindung zur Welt darstellt.

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