Mannsbilder

Ich habe gerade ein erhellendes Buch gelesen, das wunderbar zu Männerherz passt. Der Psychologe und Tantra-Lehrer Peter A. Schröter* beschreibt darin die grundlegenden Herausforderungen für ein erfülltes Männerleben – und wie man es erreichen kann. Er macht dies parallel zur Geschichte von Parzival, dem mittelalterlichen Helden, der aber erstaunlich moderne Themen berührt. Es gehört zu unserem Leben, dass wir verschiedene Stufen durchlaufen, dass wir alle Aspekte unseres Seins erleben und annehmen, damit wir ein vollständiger Mann werden können.

Bei Parzival sind es die Stufen vom Muttersöhnchen, zum Held, zum Krieger und schliesslich zum König. Parzival wächst ohne Vater auf, wird von seiner Mutter Herzeloyde von allem Männlichen abgeschirmt, aber trifft dann doch Ritter und will unbedingt werden wie sie. Die Mutter schickt ihn in Narrenkleidern in die Welt, wo der junge Parzival trotzdem erfolgreich wird (in seinem „Beruf“), aber sein Lebensziel, den heiligen Gral, zunächst verpasst. Erst nachdem er seine weibliche und seine dunkle Seite erfahren und akzeptiert hat, erst als er alle Aspekte des Mannseins verinnerlicht hat, kann er Gralskönig werden. Parzival in drei Minuten, entschuldige bitte Wolfram von Eschenbach… Wer Parzival in einer neuen Version lesen möchte, dem empfehle ich Adolf Muschgs „Roter Ritter“, den ich jetzt gerade wieder lese.

Was heisst das für uns? Es beginnt damit, dass wir als männliche Babys zuerst komplett eins sind mit der Mutter. Doch irgendwann hört dieser paradiesische Zustand auf, oder er sollte es zumindest. Jetzt wäre der Vater gefragt, der dem Kind eine andere Seite zeigt, ihm als Vorbild dient. Nur ist bei uns der Vater meistens ebenso abwesend wie damals bei Parzival. Auch wenn er nicht physisch abwesend ist, so ist er es meistens emotional. Wenn ich zurück denke, dann war das bei mir und meinem Vater sicher so – und auch schon bei ihm und seinem Vater. Immerhin war mein Vater ein sportliches Vorbild. Ich erinnere mich an gemeinsames Spielen in den Ferien. Aber mit der Zeit zog er sich immer mehr zurück und verliess die Familie, als ich in der Pubertät war.

Und ich selber als Vater? Ich hätte gerne gewusst, was ich heute weiss. Ich habe mich zu sehr ein- und untergeordnet. Aber ich war da, ich war auch emotional meinen Kindern nahe und bin es heute noch. Wenn ich mir Schröters Buch vor Augen halte, dann war ich zu wenig Mann in meiner Familie. ich bin nicht hingestanden und habe gesagt, so will ich es haben! Ich habe mich dem weiblichen Umfeld angepasst und habe kaum wilde Männersachen mit den Kindern gemacht. OK, ich habe mich gerne mit ihnen sportlich betätigt. Aber ich war zum Beispiel auch dabei, wenn den Jungs Pistolen verboten wurden (ich bin ja auch für Gewaltlosigkeit…), oder wenn wir als Eltern dem Gamen sehr kritisch gegenüberstanden. Und irgendwann bin ich dann auch eher der geheimnisvolle Vater geworden, der am Morgen schon aus dem Haus war, wenn der Rest der Familie aufstand und frühestens zum Abendessen wieder nach Hause kam.

Was ich heute anders machen würde? Es ist die ganze Rolle als Mann – sowohl gegenüber meiner Frau wie dann auch als Vater – die ich heute anders leben würde. Wobei ich weiss, dass ich es so gemacht habe, wie ich es konnte – so wie die Mutter meiner Kinder oder mein Vater und meine Mutter ebenfalls. Wenn ich sage, ich würde es anders machen, meine ich das auch als Ratschlag an Männer, die das noch vor sich haben. Ich habe mich stark vom Wohlwollen anderer abhängig gemacht (wie Parzival von seiner Mutter, der er ein guter Sohn sein wollte). Wir Männer dürfen gerade auch als Vater dazu stehen, dass wir ein anderes Prinzip verkörpern, das für Töchter und Söhne wichtig ist. Und letztlich werden es auch die Frauen und Mütter schätzen, wenn sie ein männliches Gegenüber haben, das eine klare Haltung hat – auch wenn diese von der ihren verschieden ist. Also: als Väter dürfen wir ganz bewusst die männliche Seite, das männliche Prinzip vorleben. Und das heisst auch (und das ganz besonders), dass wir als Männer lieben dürfen, dass wir unser Männerherz für unsere Kinder und Partnerin öffnen.

Aus der Geschichte von Parzival lernen wir aber auch, dass wir uns nicht grämen oder schämen müssen, wenn wir noch unbewusst waren und uns „falsch“ verhalten haben. Das gehört zu unserem Leben! Die meisten müssen solche Irrwege gehen, müssen Fehler machen, um diese dann zu erkennen und sich weiter zu entwickeln. Das ist das eigentliche Ziel. Wir können heute das Muttersöhnchen oder den Schlappschwanz von damals ins Herz nehmen (oder welche Rolle wir damals hatten). Wenn wir das erkennen und annehmen, ist es aufgelöst. Und es ist nie zu spät, wie auch Peter Schröter beschreibt.

Der Vater wäre jetzt eigentlich schon der Held, der sich von der Mutter gelöst hat und sein Glück in der Welt sucht. Noch ungestüm und wild. Das ist die Phase im Berufsleben, in dem wir versuchen erfolgreich zu sein. Wir setzen uns gegen andere durch, machen Karriere (oder auch nicht), verdienen Geld, bauen ein Haus. Es geht jetzt um den Erfolg im äusseren. Doch dieser Erfolg wird mit der Zeit hohl. Man merkt, dass das nicht das Wahre ist. Was nützt alles Haben, wenn das Sein zu kurz kommt? Ich meine, diese Phase fällt ziemlich genau mit der Midlife-Crisis zusammen. Wir fragen uns: War das schon alles? Viele versuchen das Rad zurückzudrehen, wollen es nochmals mit anderen Hobbys oder mit einer jüngeren Partnerin versuchen. Aber das Leben hat was anderes vor: wir sollten jetzt nach innen schauen. Ich habe früher schon mal geschrieben, dass Frauen dafür einen leichteren Zugang haben. Die Zäsur in der Familie, wenn sie als Mütter eigentlich nicht mehr gebraucht werden (manche versuchen dies trotzdem zu bewahren) und die körperliche Veränderung sind für sie offensichtlicher, denke ich. Als Mann kann man sich noch länger im Job vergraben, versuchen noch höher zu kommen oder das Älterwerden des Körpers durch Training zu vertuschen. Aber „it’s time – if not now, when?“.

Jetzt dürfen wir auch unsere weibliche Seite anschauen. Wir müssen nicht immer rennen, machen, entscheiden und den Macker spielen. Wir dürfen uns zurücklehnen, das Dasein geniessen, unseren Körper nicht mehr schinden sondern verwöhnen… Wir dürfen unser Männerherz entdecken, Mitgefühl entwickeln. Dies erreichte Parzival im Kampf mit seiner dunklen Seite, seinem Halbbruder Firefiz. Sie versöhnten sich und zeigten Mitgefühl. Letzteres war bei Parzival der Schlüssel zum Gral. Erst als der den kranken König fragte, was ihm denn fehle, wurde dieser erlöst und Parzival erhielt den Gral. Es ist das innere Sein, sein Herz, das er gefunden hat, keinen Schatz im äussern.

Und wo stehen wir jetzt? Wo stehe ich selbst? Irgendwo auf dem Weg… Es gibt noch einiges zu tun. Wir dürfen während unseres ganzen Lebens Erfahrungen sammeln und daraus lernen, um alle Aspekte unseres Seins zu erfahren und zu entwickeln.

Jetzt fällt mir gerade auf, dass ich ja gar nichts zur männlichen Sexualität geschrieben habe, die ja im Titel von Schröters Buch steht. Das ist natürlich mit all dem Gesagten eng verwoben. Und da die Sexualität die Lebenskraft darstellt, ist sie ein wichtiges Element. Wie wir mit unserer Sexualität umgehen, mit uns allein und mit unserer Partnerin (bzw. dem Partner) hat direkt mit unserem Bewusstsein zu tun. Aber dazu dann ein andermal mehr…

*Peter A. Schröter: Die Kraft der männlichen Sexualität: Lebensbilder für Männer. München: Pieper, 2003.

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