Naturerlebnisse und echte Kerle

In der Sonntagszeitung ist am 2.August unter dem Titel „Weck den Kerl in Dir“ ein Beitrag erschienen, der den Wunsch nach (extremen) Naturerlebnissen von Männern thematisierte. Der Schwerpunkt lag auf dem Extrem-Survivor Bear Grylls, der seine Aktivitäten medial mit grossem Erfolg verbreitet. Und über die Männer, die diese spektakulären Taten vom heimischen Sofa aus mitverfolgen. Da finde ich allenfalls spannend, dass sich hier offenbar eine Sehnsucht nach solchen „echten“ Abenteuern in der Wildnis ausdrückt. Interessanter finde ich allerdings den weniger spektakulären Teil, dass nämlich viele Männer (und Frauen) in der Natur zu sich selber finden.

Ich hatte gerade drei Wochen Ferien, die ich mehrheitlich dazu genutzt habe, in der Natur zu sein. Ich bin mit meiner Partnerin eine Woche in Graubünden und Bergell (Schweiz/Italien) gewandert, habe mit meinem Sohn eine zweitätige Wanderung vom Pilatus in den Sörenberg unternommen und war fünf Tage in einem Seminar (mit Meditation u.a.), wobei ich meistens draussen übernachtet habe. Oh, es war nicht annähernd so spektakulär wie offenbar beim erwähnten TV-Helden. Aber gerade die Ruhe und Stille, das Unspektakuläre und Nicht-Hektische, sind das Besondere an diesen Tagen im Freien. Es gibt kaum Ablenkung durch Medien, es gibt kaum Luxus und wenig Bequemlichkeiten ausser dem eigenen Schlafsack und der Matte, die ich mitgetragen habe. Dafür habe ich wunderbare Landschaften erlebt, unzählige Arten von Blumen gesehen, viele Schmetterlinge, Vögel, Fledermäuse und im Bergell fast jeden Tag einen oder mehrere Adler. Es gab viele Flüsse, Bäche und Seelein, in denen ich mich in den heissen Tagen abkühlen konnte. Ich finde es wunderbar, wenn ich in das kühle Wasser eintauchen kann. Einmal, auf dem Sentiero Panoramico im Val Zernone im Bergell, haben wir einen natürlichen Whirlpool gefunden. Die Verbindung mit dem Wasser hat für mich auch eine spirituelle Dimension. Man kann sich leicht mit allem Wasser verbinden – vom Bach geht es in den Fluss, den See, den Strom und ins Meer. Ähnlich verhält es sich mit dem Schlafen unter freiem Himmel. Wenn man die Augen öffnet und den klaren Sternenhimmel (oder den Vollmond) über sich sieht (wobei ich dann zuerst die Brille suchen und aufsetzen muss, aber trotzdem…), kann ich die Verbindung mit allem fühlen. Oder in den phantastischen Landschaften mit Aus- und Rundblicken wird man demütig und dankbar. Ja, diese beiden Dimensionen – man fühlt sich sehr klein und gleichzeitig als ein Teil vom Ganzen – machen für mich die besondere Faszination des Naturerlebnisses aus.

"Whirlpool" im Val Zernone, Bergell
„Whirlpool“ im Val Zernone, Bergell

Wichtig scheint mir, dass wir die Natur bewusst und achtsam erleben können. Das bedeutet, dass wir uns nicht unter Druck setzen und dass wir uns die Musse gönnen, um eine Aussicht zu geniessen, eine Blume zu bewundern oder einen Adler oder einen Steinbock zu beobachten. Wenn wir langsam gehen, jeden Schritt bewusst machen und dabei unseren Atem fühlen, ist dies eine Form der Meditation. Wobei sich bei mir dieses Jahr der linke Fuss schmerzend gemeldet hat. Ich vermute, dass ich wohl etwas zu wenig achtsam gegangen bin und habe mir für künftige Wanderungen mehr Achtsamkeit vorgenommen.

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