sich wichtig nehmen

Ich habe den Eindruck, dass bei politischen oder gesellschaftlichen Diskussion kaum jemand an einem Austausch von Meinungen und Argumenten interessiert ist. Es geht nicht darum, die Argumente des anderen zu hören, sie abzuwägen, zu verstehen und ihnen allenfalls sogar zuzustimmen – es geht in diesen Debatten nur darum, seine eigene Meinung rauszuposaunen. Und jeder/jede nimmt sich ungemein wichtig. Wenn ich jetzt nicht gegen dies oder jenes kämpfe, indem ich meine Meinung klar und deutlich (und sehr einseitig) kund tue, dann geht die Welt unter. Etwa so.

Im Tages Anzeiger hat David Hesse eine Kolumne geschrieben, in der er dazu aufruft, auch mit der politischen Gegenseite zu reden – und zu streiten, aber richtig.

Sicher, nicht jede Dummheit ist vergebbar, jeder setzt da seine Grenze selbst. Doch 2018 könnten wir sie etwas höher setzen. Komm her, du Depp, und streit mit mir. Wer nicht mehr streitet, hat verloren.

Aber entweder reden wir nur mit unsereins und bestärken uns einfach in unseren Meinungen. Die sozialen Medien und die Filterblase, in der wir uns bewegen, verstärken diese Tendenz noch. Der andere wird zum bösen Feind, den man bekämpfen muss. Doch, wie David Hesse ebenfalls sagt, der politische Gegner ist auch ein Mensch. Das ist eine offensichtliche Tatsache, die man aber gerne ausblendet. Lieber wird auf den andern eingedroschen, er wird fertig gemacht – und dabei sät man so viel Hass und Unfrieden, die unweigerlich wieder auf einen selbst zurückkommen.IMG_3110.jpg

Wir feiern gerade das „Fest der Liebe“, das ist doch ein guter Moment, um die Sache von einer anderen Seite anzusehen. Wir könnten innehalten und aus dem ewigen Wahlkampf- und Weltuntergangsbekämpfungsmodus raustreten. Nein, die Welt geht  nicht unter, wenn du deinem politischen Gegner zuhörst. Wenn du ihn als Mensch mit Stärken und Schwächen anerkennst, zuerst deine Fehler anschaust und mit dir selbst ins Reine kommst. Du siehst, worauf ich hinaus will? Es ist das Ego, dieses kleine äussere Selbst, das sich hier so wichtig macht. Das Ego ist im ständigen Abwehrkampf, und durch diesen nach aussen getragenen Kampf macht es sich wichtig. Und wie es sich aufblasen kann, indem es über andere herzieht, sie öffentlich klein macht und die Moral auf seiner Seite weiss!

Fühl mal, was passiert, wenn du eine aus deiner Sicht klar falsche Meinung eines anderen nicht bekämpfst sondern als dessen eigene Meinung akzeptierst. Du musst sie nicht gut finden, ihr nicht zustimmen – bloss anerkennen, dass dies offenbar die Überzeugung des Gegenüber ist. Versuch zu fühlen, weshalb er dies für richtig und du es für falsch hälst. Was müsste passieren, dass du auch so denkst und fühlst? Und dann interessiere dich für dieses Gegenüber. Frage, weshalb er/sie dieser Meinung sei. Was ist ihm/ihr widerfahren? Widme diesem Menschen deine volle Aufmerksamkeit. Ich bin sicher, in diesem Moment wird auch sein/ihr Ego schrumpfen, wird die Person weich und erzählt dir, was sie wirklich bewegt und beunruhigt. Und wenn du dich „deinem Feind“ öffnen kannst und dein eigenes Ego schrumpft, wirst du fühlen, wie dein wahres Selbst wächst.

Zum Weihnachtstag wünsche ich euch, dass ihr auch eure politischen Gegner als Menschen akzeptieren könnt und dass ihr Hass nicht mit Hass bekämpft, sondern in Liebe auflösen könnt!

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