Durchs Leid hindurch gehen

Ich darf wieder einmal von einer Erfahrung berichten, die ich nicht selbst gemacht habe, sondern eine mir bekannte Person, ein jüngerer Mann. Das Beispiel hat mir gezeigt, wie wertvoll eine Krise sein kann, wenn man bereit ist, eine Erkrankung und die damit verbundenen unangenehmen Gefühle anzunehmen.

Diese Krise äusserte sich in einem Tinnitus, den der Bekannte erlitt. Man kann hier auch irgendwelche andere körperliche Beschwerden einsetzen. Jeder hat seine eigene empfindliche Stelle, an der sich etwas manifestiert. Wenn du also körperliche Schmerzen fühlst, geht es darum, diese als Wegweiser anzunehmen. Sie wollen dir zeigen, wohin du deine Aufmerksamkeit richten sollst. Der „Vorteil“ eines Tinnitus besteht darin, dass man mit schulmedizinischen Massnahmen kaum etwas dagegen tun kann. Andere Beschwerden lassen sich leichter „wegmachen“ oder unterdrücken. Doch wer die Symptome bekämpft, ohne zu versuchen, hinter diese zu sehen und zu fühlen, was sie bedeuten, der vergibt eine grosse Chance.

Mein Bekannter hat diese Chance genutzt. Der Tinnitus hat ihn in tiefe Verzweiflung gestürzt. Er war sprichwörtlich am Boden. Und in dieser Situation hat er sich an eine Freundin gewandt, von der er sich Hilfe erhoffte. Er spürte offenbar, wer ihm in dieser Situation weiterhelfen kann. Die Freundin hat ihn durch dieses Tal der Tränen begleitet. Sie hat ihm nicht geholfen, indem sie ihn zu kurieren versuchte, sondern indem sie ihn an die hinter der Verzweiflung liegenden Gefühle und Emotionen führte und ihn darin bestärkt hat, durch dieses Leid hindurchzugehen. Es anzuschauen und anzunehmen. Der Bekannte hat sich darauf eingelassen, hat tief in sein Inneres geschaut, hat alte Muster erkannt, die den Nährboden für diese Verzweiflung gebildet haben. Und dann hat sich alles verändert.

Ich bezeichne das, was dann passiert ist, als Quantensprung. Es gibt diesen Moment, in dem sich alles verändert. Du erkennst das Wunder der allumfassenden Intelligenz, die dich auf deinem Weg geführt hat. Du erkennst, dass alles gut ist, dass alles, was geschehen ist, nötig war, um genau an diesen Punkt zu gelangen.

Damit verändert sich auch deine Wahrnehmung der Welt. Du willst plötzlich nicht mehr unterhalten werden, du siehst die Vergänglichkeit von allem Haben und aller Form. Du willst nicht mehr oberflächlich quatschen und tratschen, sondern dich mit deinem Gegenüber wirklich austauschen. Die Natur, Pflanzen und Tiere erhalten eine grössere Bedeutung, du fühlst dich mit allem und allen verbunden. Deinen Mitmenschen fällt dann auf, dass du gelassener wirst, dass du eine fröhliche Ruhe ausstrahlst. Und sie merken, dass du deine Gewohnheiten unglaublich schnell veränderst. Dich interessieren Dinge nicht mehr, die dir vorher wichtig waren. Du fängst an ganz andere Bücher zu lesen.

Im Moment fühlst du dich aber noch sehr verletzlich. Die äussere Hülle ist irgendwie aufgeweicht, durchlässig geworden. Du ziehst dich jetzt gerne zurück und möchtest in Ruhe und Stille sein.

Es geschehen auch beunruhigende Dinge: du siehst vielleicht Dinge, die rational nicht erklärbar sind. Du magst plötzlich nicht mehr mit Menschen zusammen sein, mit denen du zuvor viel Zeit verbracht hast. Frühere Freunde haben dir plötzlich nichts mehr zu sagen. Und vielleicht hast du Angst, dass du alleine sein wirst, dass du verrückt wirst, dass du dein Alltagsleben so nicht mehr bewältigen kannst. Die Ängste kommen natürlich vom Ego, das durch deine Entwicklung in seiner Existenz bedroht wird. Wenn du erkennst, dass du mehr bist als deine äussere Persönlichkeit, ist das eine handfeste Bedrohung fürs Ego. Es wehrt sich und malt dir aus, was alles geschehen könnte. Du darfst auch diese Ängste annehmen, als ein wertvolles Zeichen begrüssen. Schön ist es, wenn du dabei auf Unterstützung zählen kannst. Wenn du jemanden hast – wie mein Bekannter -, der dir erklären kann, was da passiert oder der dich selbst erfahren lässt, was es zu bedeuten hat.

Ich finde es wunderbar, Zeuge einer solchen Entwicklung bei einem anderen Menschen zu sein. Ich gebe dies gerne weiter, um dich darin zu bestärken, dass du der körperlichen Intelligenz vertrauen kannst. Die Lösung liegt immer in Dir, nicht ausserhalb.

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