Liebe oder Selbstliebe?

In den letzten Tagen bin ich mehrfach über Beiträge gestolpert, in denen von Liebe und Selbstliebe die Rede war – und bei denen ich den Eindruck hatte, dass die Schreibenden mit ihrer Vorstellungen etwas auf dem Holzweg sind. Tja, was ist das Liebe? Und was unterscheidet Selbstliebe von Egoismus?

Zunächst zitiere ich mal einen meiner Lieblingssongs von Rio Reiser:

Selbst wenn du mich fragst, ob ich dich liebe und ich sag ja,
weiß ich manchmal nicht genau, ist das nun Lüge oder wahr.
Weil ich oft gar nicht mehr weiß, was ist das: Liebe.
Liebt der Papa sein Auto, liebt die Mama den Kaffee?
Liebt das Baby seine Windeln, wie der Weihnachtsmann den Schnee?
Lieben Kinder Schokolade wie die Hausfrau den Herd?!
Oder ist da mehr, oder ist da mehr?
Oder ist das, oder ist das, oder ist das alles Lüge!? Alles Lüge!

Rio macht sich hier darüber lustig, wie wir im Alltag und besonders in der Werbung den Begriff Liebe verwenden. Aber auch in Liedern und Filmen wird lieben gerne mit „brauchen“ mit der Vorstellung, ohne dich kann ich nicht leben und ähnlichem gleichgesetzt. Das ist mir bei Filmen wie the 5th Element aufgefallen, als der Held das göttliche Geschöpf Leeloo (in Gestalt einer wunderschönen Frau) in allerletzter Sekunde überzeugen soll, dass es sich lohnt die Erde zu retten und er ihr nach einiger Überwindung (er ist ja ein harter Kerl) ins Ohr flüstert, dass er sie liebe, dass er sie brauche. Und dann besinnt sie sich zum Glück und sorgt dafür, dass das Böse zerstört wird, das gerade im Begriff ist die Erde zu zerstören.   Ein wunderbarer Film… Oder bei Star Wars III, den ich zur Vorbereitung auf die nächste Episode 7 angesehen habe. Da definiert der frühere Held und spätere Bösewicht Anakin Skywalker seine Liebe zu Amidala, dass er ohne sie nicht leben könne. Das bringt ihn schliesslich auf die „dunkle Seite der Macht“ und lässt ihn die auf diese Weise „geliebte“ sogar umbringen.

OK, ich bin hier vielleicht nicht gerade in den höchststehenden Werken der abendländischen Kultur unterwegs – wobei, darüber liesse sich noch streiten. Immerhin ist bei Anakin die Verlustangst die treibende Kraft dafür, dass er auf der dunklen Seite landet – und dies wurde ausgelöst durch den Tod seiner Mutter. Und weil er derart unter Verlustangst leidet, steigert er sich in Machtphantasien und wird schliesslich zum Bösewicht Darth Wader. Alles klar?

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Dieses Novemberbild zeigt nicht nur die Silhouetten der Bäume, sondern auch über 20 Milane in ihren Ästen.

Da gibt es aber auch Veröffentlichungen, die sich ernster nehmen und ähnlich argumentieren. Ein Blogger-Kollege, der zum Thema Bewusstheit schreibt, hat neulich einen Beitrag zum Thema Selbstliebe veröffentlicht. Darin fragt er, ob du auch der Lüge aufgesessen seist und den Unsinn von der Selbstliebe geglaubt hättest. Sinngemäss findet er, dass die Behauptung, wir sollten zuerst uns selbst lieben, Humbug sei. Schliesslich seien wir nicht allein auf der Welt und es gehe darum, dass man seinen Partner/seine Partnerin liebe. In einem anderen Beitrag zitiert der gleiche Blogger zehn Fragen einer Psychologin, die man in seiner Beziehung stellen sollte. Eine davon lautet, ob deine Bedürfnisse in der Beziehung erfüllt werden, ohne dass du für sie kämpfen musst.

So, jetzt habe ich genügend Material, um meine Gedanken zum Thema auszuführen. Weshalb ist Selbstliebe entscheidend? Es ist ganz einfach: wenn du dich nicht selbst liebst, kannst du niemand anderes „richtig“ lieben und niemand anderes kann dich „wirklich“ lieben. Es ist die Grundlage dafür, dass du andere nicht benützt, nicht ausnützt oder dich von ihnen abhängig machst. Wenn du andere „brauchst“, dann ist das keine Liebe. Genausowenig wie das, was Rio Reiser besingt. Dann ist das ein Geschäft und Gegengeschäft zweier abhängiger Egos, die sich im besten Fall gegenseitig ihre Bedürfnisse befriedigen – meist funktioniert das aber nicht auf Dauer.

Ich war selbst einmal – so lange ist das gar nicht her – in diese kleinen Gefühle verstrickt, die ich für Liebe hielt. Es ging darum, dass die Partnerin meine Bedürfnisse hätte befriedigen sollen, dass ich Angst davor hatte, verlassen zu werden, nicht geliebt zu werden. Allmählich dämmerte mir, dass gerade diese Ängste und Bedürfnisse zu hinterfragen waren. Ich habe neulich über das Konzept des Kleinen Jungen (oder Mädchen) geschrieben, das hierfür ein Schlüssel ist. Wenn dieser Kleine Junge unerkannt in dir deine Gefühlswelt bestimmt, bist du nicht fähig wirklich zu lieben. Der Weg führt also nach innen. Und wenn du mit dir selbst im Reinen bist, wenn du dich selbst wirklich liebst, bist du frei für die wahre Liebe. Die Selbstliebe wird einfach ein Teil dieser grossen Liebe, die dich mit der ganzen Schöpfung verbindet. Mit deinen Mitmenschen und deiner Partnerin/deinem Partner kannst du dieses Gefühl teilen. Ich nehme es als stille Freude und Dankbarkeit wahr. Dankbarkeit für dieses Leben, das uns geschenkt ist und in dem wir so viele schöne Dinge erfahren und lernen können.

Es geht also nicht um eine Trennung von Liebe und Selbstliebe – es geht nur um die Reihenfolge, wie du das eine und dann das andere erlangen kannst.

 

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