Darüber sprechen

Wir Männer haben es ja nicht so mit dem Sprechen über Gefühle oder über persönliche Dinge. Wir unternehmen lieber etwas zusammen, egal ob mit einem männlichen oder weiblichen Gegenüber. Wir sprechen nicht gerne Dinge aus, die uns selbstverständlich erscheinen. Oder wir reden nicht gerne über unsere Gefühle. Und manchmal wissen wir nicht, wie wir ein persönliches Gespräch führen. Ich habe in jüngster Zeit mehrmals erlebt, dass es sich wirklich lohnt zu reden.

Das Selbstverständliche aussprechen

Wir Männer halten es normalerweise für überflüssig, uns selbstverständliche Dinge auszusprechen. Wir gehen offenbar davon aus, dass der andere/die andere unsere geheimen Beweggründe kennt oder die Dinge genauso betrachtet  und versteht wie wir. Da wir alle unsere eigenen Erfahrungen gemacht haben und Dinge auf unsere eigene Weise interpretieren, ist dies ein ziemlich grosser Irrtum. Der/die andere kann nicht wissen, was in uns vorgeht und wir umgekehrt nicht, was das Gegenüber denkt und fühlt. Darüber reden schafft Klarheit.

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Neulich haben meine Partnerin und ich an einem Lagerfeuer Wein getrunken und geredet. Da hat sie gesagt, ich müsste ja weiss nicht was von ihr denken, wenn sie mit technischen Dingen manchmal etwas Mühe habe. Da habe ich ihr versichert, dass es mir wirklich nichts ausmache, ihr Dinge am PC zu erklären. Und dann sagte ich etwas, was mir fast zu banal erschien, um es auszusprechen. Für mich sei klar, dass Frauen und Männer verschieden seien. Und jetzt, beim Schreiben, merke ich gerade, dass es Dritten gegenüber viel schwieriger ist, den Sachverhalt zu erklären. Und dann noch schriftlich, so dass es auch bei kritischer Betrachtung noch stimmt. Also: gegenüber meiner Partnerin, mit der ich natürlich schon öfter über solche Fragen gesprochen habe und die auch weiss, wo ich stehe und wie ich etwas meine, scheint die Aussage klar. Wenn ich es hier beschreibe, muss ich etwas weiter ausholen und präziser argumentieren. Ich kann also versichern, dass es am Lagerfeuer unter vier Augen so was von klar und einfach war. Sorry, ich bin etwas abgeschweift – aber auch das ist doch ein spannender Aspekt der Kommunikation. Die Stimmung, die Vorgeschichte, die Gesprächspartner, der Ort und vieles mehr haben einen Einfluss darauf, wie etwas verstanden und empfunden wird…

Zurück zur eigentlichen Aussage: ich habe ihr also gasagt, dass für mich der Unterschied klar ist und dass ich wirklich nicht im entferntesten denke, sie sei irgendwie dumm oder ungeschickt, wenn sie in technischen Dingen weniger schnell begreife. So verstehe ich das weibliche und das männliche Prinzip: das Männliche steht eher für Geist, Intellekt und das Weibliche eher für Gefühl, Erdverbundenheit – und das ist gut so. Ich weiss nicht, ob ihr das versteht – meine Partnerin hat diese Aussage sehr gefreut und erleichtert. Sie freute sich darüber, dass sie diesen Anspruch an sich offenbar nicht zu haben brauchte. Für mich war das eigentlich völlig klar. Und es hat sich gelohnt, dass ich diese Selbstverständlichkeit ausgesprochen habe. Für meine Partnerin war es ein Geschenk.

Reden schafft Intimität

Wenn wir uns sehr nahe kommen wollen, wenn wir mit der Partnerin verschmelzen wollen, schafft ein Gespräch über das, was wir fühlen und uns wünschen einen schönen Rahmen. Auch dies ist nicht unbedingt die Lieblingsbeschäftigung von uns Männern. Wir kommen lieber gleich zur Sache. Eben – lieber etwas tun als reden. Auch da hatte ich neulich ein wunderbares Erlebnis mit meiner Partnerin. Ich hatte eben das Buch „Vom Nehmen und Genommenwerden“ gelesen. Darin geht es um eine neue Beziehungserotik auf der Grundlage der Lehren des Tantra. Auch um die schon angesprochenen Unterschiede des weiblichen und des männlichen Prinzips. Ermuntert durch die Lektüre, habe ich ihr erzählt, was ich am Buch spannend und wichtig fand. Und wir sind dann auf eine sehr persönliche Ebene gekommen. Wir haben über unsere Vorstellung von Partnerschaft gesprochen und über unsere Wünsche. Und über das Gespräch fühlten wir eine kraftvolle Verbindung und intime Nähe. Eigentlich warteten wir ja darauf, dass das Abendessen gar wurde. Da beschlossen wir, das Essen könne gut warten. Und wir verbanden uns leidenschaftlich auf wundervolle Weise. Diese Begegnung hatte eine ganz besondere Tiefe, die durch das Teilen unserer Gedanken und Wünsche geschaffen worden war.

Tipps zum „richtigen“ Reden

Beim „richtigen“ Reden geht es zunächst mal darum, dass wir über uns und über das Jetzt sprechen. Klar, kann man auch mal einen Blick zurück werfen. Aber wenn sich Menschen bloss erzählen, was war oder Probleme ansprechen, die in der Vergangenheit liegen, dann bringt das nichts. Wenn wir also über unsere Gefühle reden, dann geht es um dich selbst. Und um deine Partnerin. Aber das ist dann wiederum ihre Angelegenheit. Du sprichst also darüber, wie du dich fühlst, was du empfindest. Das ist das, was wirklich zählt. Versuche nicht zu verallgemeinern und eine abstrakte Analyse zu bieten. Persönlich soll es sein.

Das, was deine Partnerin sagt, nimmst du mit echtem Interesse und offen wahr. Versuche nicht zu bewerten, gib erst einmal keine Ratschläge. Das ist eine männliche Spezialität, die bei den Frauen nicht unbedingt erwünscht ist. Also: offen zuhören. Ihr könnt auch vereinbaren, dass ihr je 15 Minuten (oder wie lange auch immer) einfach zuhört. Danach könnt ihr eine Pause einlegen, das Ganze wirken lassen. Und erst anschliessend, kann man seine Sicht dazu vermitteln – wenn beide das wünschen.

Ein Schlüssel für richtiges Reden ist es auch, ganz präsent zu sein. Wenn du mit einer Gehirnhälfte noch im Geschäft bist, wenn du parallel noch an andere „wichtige“ Dinge denkst, kannst du nicht richtig zuhören. Richte deine Aufmerksamkeit ganz auf deine Partnerin. Interessiere dich wirklich für das, was sie sagt. Du sollst auch nicht davon ausgehen, dass du alles verstanden hast. Frage nach, versichere dich, dass du es so verstanden hast, wie es gemeint ist. Und frage noch etwas mehr, gehe noch mehr in die Tiefe. Und ja, gutes Reden geht nicht ohne gutes Zuhören!

Ehrlich sein

Eigentlich ist es ja selbstverständlich, aber da wir auch Selbstverständliches aussprechen dürfen oder gar sollen, möchte ich zum Thema Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit etwas sagen. Es kann ja sein, dass du etwas sagen musst, was dir nicht behagt. Du hast Angst, die Partnerin zu verletzen. Und du hast Angst, es komme zum Streit und schliesslich liebt sie dich nicht mehr. Wenn du diese Ängste hast, kannst du sie anerkennen und annehmen. Dann solltest du aber nicht aufs Reden verzichten, sondern diesen Emotionen nachgehen. Weshalb kommt das? Was ist da verborgen? Erst wenn du mit dir selbst im Reinen bist, kannst du dir und der Partnerin gegenüber ehrlich und aufrichtig sein. Erst wenn du nicht von der Anerkennung anderer abhängig bist und erst wenn du dir selber die Liebe schenken kannst, die du früher von anderen erwartet hast, bist du frei und unabhängig, um zu dir und zu anderen ehrlich zu sein.

Und dann vertraue auf dein Herz! Du kannst vor einem schwierigen Gespräch (auch wenn es ein berufliches ist), in dich gehen und dich von deinem Herz leiten lassen. Wenn du offen und ehrlich bist, wenn du sagst, was in dir vorgeht, was du denkst und was bei dir angekommen ist, wird das Gespräch nicht verletzend sein. Und falls das Gegenüber sich doch verletzt fühlt, aufbraust oder sonstwie negativ reagiert, dann kannst du auch dies annehmen. Dann musste es so sein. Und jetzt kannst du dich gleich wieder auf dich konzentrieren und schauen, was diese negative Reaktion mit dir macht. Wenn du es schaffst, in den Beobachtermodus zu gehen, wenn du dich selbst bei deiner Reaktion beobachten kannst, dann wirst du wichtige Dinge über dich selbst erfahren. So oder so lohnt sich ein solches Gespräch. Gerade auch dann, wenn du deine Grenzen erfährst.

Ich merke gerade, übers Reden könnte ich noch lange reden. Aber ein weiterer wichtiger Grundsatz ist für mich auch, dass man nicht zu lange und nicht zu viel reden sollte. Falls es dich interessiert und du gerne mehr dazu hören (bzw. lesen) möchtest, kannst du es mir ja sagen 😉

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