Männer und Gewalt

Es juckt mich schon länger, etwas zu diesem grossen und gerade wieder sehr heiss diskutierten Thema zu schreiben. Ich weiss, dass man(n) sich daran sehr leicht die Hände verbrennen kann, aber ich versuche es trotzdem. Im Vertrauen, dass Worte, die von (Männer)Herzen kommen, richtig verstanden werden. Und ja, Gewalt ist ein Thema für uns Männer. Gerade neulich haben mein jüngerer Sohn und ich ausgiebig darüber diskutiert.

Wir Männer – nur schon, wenn ich so beginne, wird es etwas schwierig. Denn sind wir Männer denn alle gleich? Kann ich für die Männer oder den Mann sprechen? Natürlich kann ich nicht für jeden Mann sprechen, aber ich kann für den Mann in uns schreiben oder das männliche Prinzip ansprechen. Gerade jetzt während des Seminars Manngeburt fühle ich mich dazu gut in der Lage. Es geht um den Mann in uns, den Mann an und für sich und das männliche Prinzip. Wobei wir in der Manngeburt den vollständigen Mann als wahren Erwachsenen im Fokus haben. Und auf dem Weg dorthin befassen wir uns auch mit den Schattenseiten, mit den unbewusst gelebten Seiten des Männlichen.

Gewalt kann ich aus der Erfahrung des Seminars zweifelsfrei dem Archetyp des Kriegers zuschreiben. Er enthält das ganze Potential der Kraft, Aggression und der Gewalt. In der bewussten Entwicklung des Kriegers fühlen wir diese Kraft und lernen sie zu beherrschen, so dass wir sie ausschliesslich für ein höheres Ideal einsetzen. Dies entspricht auch dem Bild des Samurai, wie es Veit Lindau in seinem aktuellen Buch „Königin und Samurai“ schön beschreibt. Der Krieger oder Samurai setzt die Urkraft für das Gute, für ein höheres Ziel ein. Bei Lindau steht er im Dienst der Königin und setzt sich für die umfassende Liebe ein – klingt doch gut, oder?

Wir haben in unserer Geschichte – ich meine damit die Entwicklung der letzten paar hunderttausend Jahre – diesen Krieger und die damit verbundene Kraft und Gewalt für unser Überleben gebraucht. Nur der Krieger kann jagen, kann sich gegen gewalttätige Angreifer wehren. Das haben wir in uns, in unserer Natur. Und es ist unsere Aufgabe und Verpflichtung, dieses Potential friedlich zu nutzen um dem Leben zu dienen. Dazu müssen wir es zuerst fühlen. Wenn wir das Potential aus Angst vor unkontrollierter Gewalt unterdrücken, wird es sich unbewusst Ausdruck verschaffen.

Dann kommen die Schattenseiten des Kriegers zum Vorschein. Dazu gehört das Ausleben von sinnloser Gewalt, das Ausüben von Gewalt gegenüber Schwächeren. Veit Lindau verwendet hierfür das Bild des Ronin – des gefallenen Samurai, der ohne Ziel und ohne Ideal lebt. Er setzt seine Kraft nicht für das Gute ein, sondern um andere zu unterdrücken, um Macht über andere auszuüben.

Eine andere Schattenseite des Kriegers bildet sich heraus, wenn jegliche Aggression unterdrückt wird. Ich habe den Krieger in mir lange Zeit nicht gekannt, weil er mir durch unsere Gesellschaft ziemlich ausgetrieben wurde. Gewalt war komplett verpönt, sogar in spielerischer Weise darf man sie heute kaum ausdrücken. In vielen Familien und Schulen ist jegliche Andeutung von Gewalt tabu. Wir haben unseren Jungen auch Pistolen und andere Spielzeugwaffen verboten. Ich selbst schob Krisen im Militärdienst, weil ich mit dem Sturmgewehr schiessen lernen sollte. Das ist zwar moralisch korrekt und durchaus lobenswert, aber es ist auch ein Ausdruck dafür, dass ich mir den Zugang zum Krieger verbaut hatte. Das führt in eine Sackgasse, und man wird zu einem „halben“ Mann, weil man dieses Potential nicht kennt und die Kraft, die darin liegt, nicht nutzen kann.

Neben dem Krieger als quasi ausführendes Organ spielt auch der Archetyp des Königs eine zentrale Rolle. Wenn wir uns fragen, was denn eigentlich „gut“ ist und was nicht – der König in uns weiss das. Der König handelt im Sinne des Grossen und Ganzen und er schafft eine natürliche Ordnung. Das heisst, dass der König in uns dem Krieger sagt, was gut ist und was nicht. Und der gute Samurai folgt seinem König und sorgt dafür, dass seine hehren Ziele umgesetzt werden. Der König braucht den Krieger, damit seine Vorgaben in die Tat umgesetzt werden. Und der König ist untrennbar mit dem Vater verbunden. Wir haben hier einen wichtigen Schlüssel für die Entwicklung eines vollständigen Mannes in der Hand: der Vater spielt die entscheidende Rolle. Wir als Väter tragen eine grosse Verantwortung für unsere Söhne. Wir als Söhne müssen mit unserem Vater ins Reine kommen, um Zugang zu dieser majestätischen Energie zu erhalten. Und der König ist gerecht. Er anerkennt die Königin als gleichberechtigt und ergänzende Kraft neben sich. Er ehrt das Weibliche.

Ein unterentwickelter Schattenkönig kann ein Despot sein, der nicht für sein Volk sondern nur egoistisch für sich und seine Interessen schaut. In der passiven Variante ist er der abwesende, schwache Vater, der sich nicht für sein Volk, bzw. seine Kinder interessiert.

Die verheerende Kombination, die wir heute oft erleben, sind Männer mit unterentwickeltem Königsbewusstsein, die gleichzeitig den Schattenkrieger leben. Sie verdienen durchaus unser Mitgefühl – aber der König in uns kann auch bestrafen. Der Krieger setzt klare Grenzen. Was wiederum heisst, dass wir sinnloser Gewalt tatenlos zusehen müssen. Wir wehren uns, wir schützen die Schwachen.

In den letzten Jahren ist mir klar geworden, dass wir immer (immer!) zuerst bei uns schauen müssen. Wir können uns verändern, auf andere haben wir nur beschränkten Einfluss. Das bedeutet für uns Männer, dass jeder bei sich schaut. Wir entwicklen uns und unser Potential zu wahren Erwachsenen. Dann ergibt sich alles von selbst. Ein wahrer Erwachsener würde nie die Hand gegen einen Schwächeren erheben, würde nie eine Frau belästigen. Und mit diesem Massstab, wenn wir mit uns im Reinen sind, treten wir klar in der Öffentlichkeit auf. Wir dulden keine Übergriffe, wir schauen nicht weg, wenn wir Ungerechtigkeit sehen. Mit dem Gerechtigkeitssinn des Königs und der Klarheit des Kriegers stellen wir uns dem entgegen. Und damit dienen wir anderen als Vorbild.

Und die Gesellschaft? Wie gehen wir mit struktureller Gewalt um? Wie bekämpfen wir das Patriarchat und die Ungerechtigkeit auf der Welt? Aus der Haltung des wahren Erwachsenen lassen wir keine Zweifel aufkommen, da beziehen wir klare Position: Wir dulden das nicht. Aber wir schauen zuerst bei uns selbst. Und da haben wir meistens noch eine Menge Arbeit vor uns. Und wenn wir die erledigt haben, ergibt sich das andere auf der gesellschaftlichen Ebene von selbst. Wir verändern die Welt, indem wir uns selbst verändern.

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