Wanderung vom Valle Onsernone nach Airolo

Auch im Sommer 2018 hat es mich und meine Partnerin in die Berge gelockt. Wir starteten im Tessiner Bergtal Valle Onsernone, wo wir die ersten beiden Tage zunächst von Intragna nach Loco, dann von Comologno zu den Bädern von Craveggia und via Spruga zurück nach Comologno wanderten. Dieses „Einlaufen“ war strenger als gedacht: das Valle Onsernone ist wirklich steil, und eine scheinbar einfache Wanderung entpuppt sich als ein ständiges Auf-und-Ab auf nicht immer einfachen Wegen. Und es war ziemlich heiss. Wir haben hier – auf dem Weg von Comologna nach Craveggia – verschiedene tiefe Einschnitte ins Tal mit mystischen Flüssen und Wasserfällen gesehen.

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Wasserfall des Ri di Mulino unterhalb Comologno
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Der Einschnitt des Valle del Corno / Val Onsernone

Wir übernachteten wiederum im Tarp, das wir jeweils oberhalb der Dörfer auf abgemähten Wiesen aufstellten – oder ganz unter freiem Himmel. Ab dem dritten Tag unternahmen wir eine Fernwanderung, die uns durch mehrere Täler der Region Maggia führte. Ich kann diese Route wärmstens empfehlen.

Val Onsernone-Valle di Vergeletto

Distanz: 9 km, Höhenunterschied: 1038m aufwärts, 446m abwärts. Dauer: offiziell 4 Stunden (real ca. 5 Stunden)

Wir starteten in Comologno (erreichbar mit Postauto ab Locarno). Wer nicht unter freiem Himmel übernachten möchte, findet hier im Palazzo Gamboni eine Unterkunft und ein ausgezeichnetes Restaurant. Natürlich das einzige weit und breit…

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Blick von oberhalb Comologno ins Valle Onsernone

Mit Proviant konnten wir uns noch in Spruga eindecken, wo sich der einzige Laden weit und breit befindet. Wir stiegen am Vormittag hoch durch lichte Arvenwälder zur Alpe Saléi (1777m), wo sich eine bewirtete Hütte befindet. Wir stärkten uns hier und entschieden uns spontan für die nun folgende Tour.

Screenshot 2018-07-31 11.40.45Wir gingen weiter hoch zum Laghetto dei Saléi (1923m). Dieser schöne Bergsee ist mit der Luftseilbahn von Vergeletto nach Saléi und einem anschliessenden ca. einstündigen Aufstieg gut zu erreichen – entsprechend waren wir hier nicht alleine.

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Laghetto dei Saléi mit Blick bis zum Lago Maggiore.

Wir stiegen hoch zum Passo del Busan (2006m) und wieder hinunter zum Höhenweg über dem Valle di Vergeletto, über Alpweiden, durch Hochmoore bis zur Alpe Arena und der Capanna Alpe Arena (1689m). Wir übernachteten hier in der unbewirteten, aber gut ausgestatteten Hütte.

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Frühstück in der Capanna Alpe Arena

Die Alp wird von einem jungen Paar betrieben, das hier Dutzende von Ziegen, acht Kühe, drei Pferde, einen Esel mit Jungtier und mit Hühnern hält. Käse gab es leider gerade keinen zu kaufen (das ist aber online möglich…), dafür Eier, die unser Abendessen aufwerteten. Zwei Wanderinnen stiegen von Vergeletto hoch, was man auch mit der Anreise am selben Tag von der Deutschschweiz her schafft. Das wäre also ein Tipp für eine Wochenendtour: Samstags mit dem Zug nach Locarno, dem Bus nach Vergeletto und dann hoch (in ca. 3 Stunden) zur Alpe Arena.

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Capanna Alpe Arena
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Die taffe Älplerin von der Alpe Arena beim Eintreiben der Ziegen

Alpe Arena-Val die Campo

Distanz: 15 km, Höhenunterschied 792m aufwärts, 1077m abwärts, Dauer: 5 Stunden

Am nächsten Tag ging es weiter durch das Valle die Vergeletto, schön auf der Höhe der Alpe Arena zur Alpe Porcaresc (1796m), die gerade umgebaut wird und dann hoch zum Passo della Cavegna (1978m) mit dem traumhaften Laghetto di Cavegna.

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Hier konnten wir uns im kühlen, kristallklaren Bergsee erfrischen. Mein absoluter Favorit auf dieser Wanderung: schöner geht es nicht. Wie wir nach dem erfrischenden Bad auf einer Steinplatte lagen, die Sonne und den Wind spürten – einfach grossartig. Und aus Sicht von Männerherz: gleichzeitig die vier Elemente zu fühlen, welche die vier Archetypen symbolisieren (Wasser=Liebhaber, Stein=Magier, Wind=König, Sonne=Krieger), war ein tiefgehendes Erlebnis.

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Panorama vom Passo della Cavegna
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Erfrischung im Laghetto della Cavegna

Anschliessend erfolgte der Abstieg ins Valle di Campo nach Cimalmotto (1405m) – wobei es hier zum Schluss nochmals 200 Höhenmeter vom Fluss hoch zum Dorf ging. In Cimalmotto kann man auf dem Bauernhof Munt la Reita übernachten und sich im Hoflädeli mit Nahrungsmitteln eindecken. Wir haben unsere Rucksäcke beim Dorfbrunnen deponiert und sind dann zu Fuss nach Campo (1314m) gegangen, um dort im Locanda Fior di Campo gepflegt und gut zu essen. Hier kann man ebenfalls übernachten. Uns zog es zurück nach Cimalmotto, wo wir ein Plätzchen für unser Tarp fanden – und wo wir um 23:30 dann den noch teilweise verfinsterten Vollmond über den Bergen aufgehen sahen.

Cimalmotto-Bosco/Gurin

Distanz: 9.5 km, Höhenunterschied: 917m aufwärts, 820m abwärts, Dauer: 4.5 Stunden

Screenshot 2018-07-31 12.50.13Wir entschlossen uns, den Aufstieg zum Passo della Quadrella (2137m) zu wagen, um dann nach Bosco/Gurin ins nächste Tal zu gelangen. Der Anstieg machte uns ziemlichen Eindruck, aber wir zogen ihn dem Abstieg durch das Valle die Campo vor. Und es lohnte sich. Auch über Cimalmotto stiessen wir auf Alpen mit Ferienhäusern, die nur zu Fuss erreichbar sind.

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Quadrella di Fuori

In Quadrella di Fuori (1791m) genossen wir frisches Quellwasser vom Brunnen. Überhaupt findet man auf der gesamten Strecke immer wieder Brunnen, was angesichts der Hitze und des Wasserverlusts wichtig und nützlich ist. Zügig ging es im lichten Wald hoch bis zur Passhöhe. Hier könnte man direkt ins Tal hinunter steigen, was mir aber etwas zu steil schien (wie auch die Route von Campo über den Pian Crosc), weshalb wir den Weg durch den Talkessel zur Grossalp einschlugen.

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Panorama vom Passo Quadrella Richtung Bosco Gurin

Zunächst steigt dieser nochmals an, bis auf 2224m, dann gelangt man auf einem guten Höhenweg auf die Grossalp (1987m), von wo aus ein Sessellift hinunter nach Bosco/Gurin fährt. Wir stiegen über die Capanna Grossalp ins Dorf hinunter, bevor sich ein Gewitter entlud. Bosco/Gurin ist ein Walserdorf mit ursprünglich deutschsprachiger Bevölkerung. Heute hörten wir beim Dorffest nur Tessiner Dialekt. Bosco/Gurin verfügt über eine ausgebaute touristische Infrastruktur und man findet hier problemlos eine Unterkunft. Uns zog es weiter, begleitet vom Regen, im Postauto hinunter ins Maggiatal nach Cevio. Hier deckten wir uns wieder mit Proviant ein und gingen zu Fuss weiter nach Bignasco und Cavergno. In der Pizzerio al Torchio assen wir eine ausgezeichnete Pizza. Danach schlugen wir das Tarp am Ufer des Flusses Bavona auf. In Cavergno und Bignasco gibt es Übernachtungsmöglichkeiten.

Cavergno-Foroglio

Wir begannen die nächste Etappe mit dem bekannten Auf-und-Ab auf dem alten Talweg durchs Val Bavona. Damit befinden wir uns auf dem Sentiero Cristallina, der in der ersten Etappe von Bignasco durchs Val Bavona nach San Carlo führt. Da wir am Abend die Capanna Cristallina erreichen wollten, stiegen wir in Foroglio auf das Postauto um. Von Cavergno (459m) nach Foroglio (684m) sind es 6.8km und 457m Steigung. Sehenswert sind unterwegs die Spuren der alten Siedlungen, die zum Teil in den Fels gehauen oder rund um Höhlen und Felsen gebaut wurden. Foroglio ist bekannt für den 50m hohen Wasserfall.

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Wasserfall bei Foroglio, Val Bavona

Robiei-Capanna Cristallina

Distanz: 7km, Höhenunterschied: aufwärts 794m, Dauer: ca. 3 Stunden

Wir gönnten uns die Luftseilbahn von San Carlo nach Robiei, was uns 9km und 690 Höhenmeter ersparte. Wir wollten die „Schlusssteigung“ zur Cristallinahütte nicht zu müde sein, was sich als sehr sinnvoll erwies.

Screenshot 2018-07-31 14.11.50Die ersten Kilometer ab der Bergstation Robiei (1891m) geht man auf einer geteerten Strasse, die für die Wasserkraftwerke und Stauseen in der Region angelegt wurde. Man kommt schnell voran, vermisst aber einen eigentlichen Wanderweg. Beim Lago Bianco (2077m), der allerdings nicht gletscherweisses Wasser hat (wie der Namen vermuten lässt), sondern klares dunkles, machten wir einen Abstecher runter zum See. Wir störten die Fischer nur kurz durch unser Bad, da das Wasser hier ziemlich kalt ist. Die zusätzlichen Höhenmeter lohnten sich aber allemal.

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Lago Bianco im Cristallina-Gebiet ob Robiei

Erfrischt nahmen wir dann die Steigung nach Pioda (2341m) in Angriff. Und die hat es in sich: Auf der Karte ist nicht wirklich ersichtlich, dass diese Steigung happig, der Weg anspruchsvoll ist und dass wir manchmal die Hände zu Hilfe nehmen mussten, um steile Passagen zu bewältigen. Da ist die Wegbeschreibung wenig hilfreich, die pauschal von Kondition „schwer“ und Technik „mittel“ spricht (Etappe 2, Sentiero Cristallina).

 

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Blick von Pioda zum Lago Bianco, im Vordergrund der steile Aufstieg

Atemberaubend ist neben der Steigung auch die Aussicht, zum Beispiel auf den höchsten Tessiner Gipfel, den Basòdino mit Gletscher. Nach einer eher gemütlichen Traverse des Hangs gelangt man auf den Übergang zum Lago Sfundau (Punkt 2465m), von wo aus man das ganze Tal überblickt und die Capanna Cristallina sieht.

 

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Panorama von oberhalb Lago Sfundau mit dem Basòdino (links, mit Gletscher) und der Cristallinahütte (rechts über dem weissen Lago Sfundau)

 

Mit dem Ziel vor Augen, der Capanna Cristallina auf dem gleichnamigen Pass (2568m) und unterhalb des gleichnamigen Bergs, geht sich das Schlussstück leicht. In der modern eingerichteten SAC-Hütte hat es 120 Betten, die an Wochenenden gerne ausgebucht sind. Es lohnt sich also, den Platz im Voraus zu reservieren. Die Hütte war an unserem Sonntagabend nur etwa zu einem Drittel belegt, doch die internationale Gästeschar sorgte für ziemlich viel Leben. Besonders wenn man vorher einige Tage mehr oder weniger für sich war. Es gab spannende Begegnungen, und man tauschte sich aus, woher man kommt und wohin man geht. Von der Cristallinahütte gibt es Wanderungen in Richtung Italien (Val Formazzo), von dort weiter ins Wallis (über den Griespass) oder in Richtung Lago Naret und ins Val Sambucco (Fusio) oder nach Norden ins Val Bedretto. Und natürlich gibt es auch unzählige Möglichkeiten für Bergsteiger (nicht für mich…).

Capanna Cristallina-Airolo

Distanz: 13.8 km, Höhenunterschied: aufwärts 87m, abwärts 1520m, Dauer: 4 Stunden

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Beim Abstieg von der Capanna Cristallina wurden wir von einem Steinbock begrüsst, der dort in Ruhe wenige Meter oberhalb des Wanderwegs friedlich graste. Ich wollte lange nicht glauben, dass der Weg auf dieser Seite so viel leichter ist als von der anderen Seite. Obschon Wanderer in der Hütte sagten, der Aufstieg sei happig, ist er doch viel einfacher zu gehen. Gleichmässig geht es durchs Val Torta zuerst über Geröll, dann über Alpwiesen runter zur Alpe die Cristallina (1800m).

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Abstieg in der Morgensonne durchs Val Torta

Dort haben wir leckeren Bergkäse gekauft und sind dann nicht auf dem Höhenweg weiter, wie die offizielle Route lautet, sondern direkt ins Tal hinunter gestiegen bis Piano di Pescia (1538m). Und von hier sind wir spontan nicht direkt runter nach Ossasco, sondern schräg dem Hang entlang in einem schattenspendenen Wald in Richtung Fontana (1281m) ins Val Bedretto. Schnell kamen wir voran bis Airolo, wobei der letzte Kilometer über die Autostrasse und -brücke ein eher zweifelhaftes Vergnügen ist. Und der Bus von der Talstation der Luftseilbahn Airolo-Pesciüm fährt nur alle 2-3 Stunden. Von Pesciüm (1745m) aus könnte man den Abstieg mit der Bahn abkürzen, wenn man von der Alpe di Cristallina aus dem Höhenweg gefolgt wäre. Ich kann aber unsere Variante sehr empfehlen, und die 1500 Höhenmeter waren auch mit ziemlich schwerem Rucksack gut zu bewältigen. Für einmal waren wir sogar schneller als die Angaben auf dem Wegweiser.

 

Dazu noch eine Bemerkung: ich habe den Eindruck, dass bei der Zeitangabe auf den Wegweisern die Beschaffenheit des Wegs keinen Einfluss hat. Man nimmt einfach die Distanz (15 Minuten pro Kilometer) und den Höhenunterschied aufwärts (15 Minuten pro 100 Höhenmeter). Abwärts geht man demnach gleich schnell wie auf der Ebene, was aber in schwierigem Gelände auf anspruchsvollen Wegen nicht realistisch ist. Und auch aufwärts macht das einen Unterschied: von Robiei zum Lago Bianco waren wir fast doppelt so schnell wie angeschrieben, weil wir auf der Strasse zügig vorangekommen sind. Danach dauerte unser Aufstieg doppelt so lang, weil wir jeden Schritt bewusst setzen mussten. Mit schwerem Rucksack rechneten wir meistens etwa den Faktor 1.5, dann waren wir bei der Planung der Etappen auf der sicheren Seite. Und wir lassen uns jeweils genügend Zeit für Pausen, in denen wir uns in Gewässern erfrischen oder uns einfach in den Heidelbeeren niederlassen und unsere Zwischenverpflegung direkt vom Strauch essen.

Fazit

Wir haben auf dieser Tour eine wunderschöne Ecke der Schweiz kennengelernt, die man so nur zu Fuss erleben kann. Ich bin dankbar für diese Erfahrung und dafür, dass mein Körper die Anstrengungen problemlos bewältigt hat. Und ich danke herzlich Agi für die Begleitung und dafür, dass sie sich gerne auf solche Abenteuer einlässt.

Im Nachhinein würden wir eher von Intragna und dem Centovalli aus über den Monte di Comino und dann runter ins Valle Onsernone starten – wobei der Abstieg bis hinunter ins Tal erfahrungsgemäss nicht ganz ohne ist. Der Weg über den Pianascio und den Pizzo Ruscada nach Spruga scheint mir sehr anspruchsvoll. Aber Wanderer, denen wir begegnet sind, haben diese Tour gemacht. Einige wandern sogar noch über den Pass Bocchetta di Valle nach Brissago am Lago Maggiore. Als Einstieg, also umgekehrt von Brissago (200m) über die Bocchetta die Valle (1947m) und runter ins Centovalli, scheint mir die Etappe sehr anspruchsvoll. Tendenziell könnte man also zwei Etappen vor unsere Wanderung planen: von Brissago ins Centovalli, vom Centovalli ins Onsernone und dann weiter wie beschrieben und erlebt.

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