Bedürftigkeit

In einem spannenden Interview im Tages-Anzeiger sagt Domina Karolina Leppert, dass die Männer bedürftig seien und sich selbst klein machten. „Er ist bedürftig, er weiss es nur nicht.“ Sie bezieht sich hier auf die konkrete Situation, wenn der Mann seine Dominanzwünsche bei einer Prostituierten auslebt. Aber ich finde, sie spricht hier etwas sehr Grundsätzliches an, das nicht nur in dieser speziellen Situation zum Ausdruck kommt. Wir (Männer) sind bedürftig, aber wir wissen es nicht. Und wir machen uns dadurch klein.

Da spricht eine bewusste Frau, die sich mit Bedürfnissen von Männern sehr gut auskennt. Doch das was sie sagt, gilt nicht nur für Dominanzgelüste. Ich denke, dass sie hier ein Grundproblem ausspricht, das auf die Mehrheit unbewusster Menschen zutrifft. Wir neigen dazu, uns von der Zuneigung und dem Verhalten anderer abhängig zu machen. Dadurch werden wir bedürftig und machen uns klein. Ich denke, dass dies für viele „normal“ ist. „Ich brauche dich!“, „I need you“ ist in vielen Songs und Filmen gleichbedeutend mit „ich liebe dich“ – und dabei meint es eigentlich das Gegenteil. Aber wir finden es absolut OK oder sogar wünschenswert, dass unser Partner uns braucht, dass wir ihn brauchen. Das wird als Zeichen der Liebe verstanden. „Was wäre ich ohne dich?“ gilt als Liebesbeweis. Wir setzen Abhängigkeit mit Liebe gleich – und wundern uns dann, weshalb wir einander unglücklich machen. Der Partner soll uns gefälligst glücklich machen, deshalb sind wir ja zusammen oder haben gar geheiratet. Und weil wir glauben, ohne den anderen nicht glücklich zu sein, dass uns etwas fehlt, dass uns vielleicht sogar die „bessere Hälfte“ fehlt, haben wir Angst, den Partner und seine Zuneigung zu verlieren. Wir tun alles (oder meinen es zumindest es sei alles), um dem Partner zu gefallen, um ihn bei Laune zu halten, um belohnt, gelobt und geliebt zu werden. Und wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden, wenn wir also kein Lob und keine Gegenliebe erhalten, dann sind wir beleidigt oder traurig. Dadurch machen wir uns so klein, dass der Partner fast zwangläufig den Respekt verlieren muss.

Der Grundfehler bei dem Ganzen liegt darin, dass wir unser Glück im aussen, beim Partner suchen. Dadurch machen wir uns abhängig. Und zum Schluss verlieren wir diese Liebe, die wir glaubten im anderen zu finden. Das funktioniert so nicht. Es gibt nur einen Weg, nur eine Richtung, um die Liebe zu finden: nach innen. Es kann dich niemand lieben, wenn du dich nicht selbst liebst. Wenn du dich klein machst, wird dich niemand respektieren. Das gilt nicht nur im Liebesleben sondern auch im Beruf. Wenn du nicht du selbst bist, sondern es andern recht machen willst, bist du nicht authentisch. Andere fühlen das. Und auf diese Weise wirst du nicht Erfolg haben.

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Der Weg führt also nach innen: fühle deine Gefühle, gehe in dich. Fühle deine Stärken und deine Schwächen – beide gehören zu dir. Wenn du sie fühlend annehmen kannst, wirst du in deine Stärke kommen. Du kannst dich selbst respektieren, zu dir stehen, dir treu sein. Und dann kannst dich auch anderen treu sein, andere respektieren und lieben – ohne bedürftig zu sein. Für mich fühlt sich richtige Liebe so an, dass ich sie mit meiner Partnerin und mit der ganzen Welt teilen kann. Es ist keine Erwartung da auf Gegenleistung. Und doch wird sie auf wundersame Weise stärker und grösser. Und so entsteht ein Gefühl von Dankbarkeit. Jetzt bin ich nicht mehr bedürftig, glaube ich sagen zu können. Ich war es aber lange Zeit ohne es zu wissen.

Zum Schluss möchte ich noch einmal Karolina Leppert zu Wort kommen lassen. Sie spricht mit grosser Weisheit, und ich habe die grösste Ehrfurcht vor ihr und ihrem Job, in dem sie unserer Gesellschaft einen grossen Dienst erweist. Sie beschreibt sehr schön, was es bedeutet, ein bewusster Mann zu sein:

 

 

Was macht denn einen richtigen Mann aus?
Ein reifer, mental erwachsener Mensch, der sich selbst, sein Denken und Handeln hinterfragen und auch darüber sprechen kann. Er ist stolz auf seine Stärken und hat sich mit seinen Schwächen ausgesöhnt. Und er kann Verantwortung übernehmen.

Danke für diese klaren Worte!

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