Das Leben als Lehrer

Im Tagesanzeiger hat der ehemalige Chefredaktor Res Strehle (im Nachspann heisst es: „Das Amt lehrte ihn Gelassenheit“) einen Bericht über einige streitbare Zeitgenossen veröffentlicht, die er heute als überraschend gelassen und ruhig erlebte.

Plötzlich diese Gelassenheit – Vergessen Sie die Ratgeber. Gelassenheit lernt man von Zeitgenossen, die einst tobten und heute unerwartet zur Ruhe fanden.

Es ist spannend, wie Res Strehle aufgrund seiner persönlichen Beobachtungen feststellt, dass diese ehemals empfindlichen und mit harten Bandagen kämpfenden Prominenten durch persönliche Schicksale und einschneidende Erlebnisse im etwas fortgeschritteneren Alter dann plötzlich ruhig und gelassen werden. Was der Journalist eher staunend zur Kenntnis nimmt, ist ein wichtiger Grundsatz: das Leben ist unser bester und wichtigster Lehrer.

Das bedeutet, dass wir das, was uns das Leben präsentiert – egal, ob unser Verstand diese Erlebnisse als negativ oder positiv bewertet -, bedingungslos annehmen dürfen. Es hat zur Konsequenz (oder ist eine Konsequenz davon), dass wir uns ganz auf den Augenblick konzentrieren. Das was ist, das, was in diesem Moment geschieht, ist das Einzige, das zählt. Wenn wir uns dem widersetzen, wenn wir Widerstand leisten, dann entsteht Leid. In den im Zeitungsartikel beschriebenen Beispielen waren dies Krankheit und Verlust, die von den streitbaren Zeitgenossen angenommen wurden. Es ist ja relativ einfach, die als positiv bewerteten Lebenssituationen und Ereignisse anzunehmen. Aber wenn wir es schaffen, auch etwas Schmerzhaftes, das der Verstand klar als negativ beurteilt, anzunehmen, hat das eine grosse Transformationskraft. Wenn es uns gelingt, eine Krankheit oder einen Verlust wirklich anzunehmen, wird das kleine Selbst, das Ego, geschwächt. Wir erkennen, dass wir nicht von den äusseren Bedingungen abhängig sind. Wenn wir Ja sagen können zum Augenblick, auch wenn er nicht so rosig ist, erfahren wir, dass der Schlüssel zum Frieden in uns selbst liegt. Das macht uns frei und ruhig.

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Wir benötigen dazu aber nicht unbedingt einen Schicksalsschlag. Wir können uns ohne äusseren Anlass für die Annahme des Jetzt entscheiden. Wie man das üben kann, beschreibt Eckhard Tolle in seinem wirklich lesens- und lebenswertem Buch „Jetzt – die Kraft der Gegenwart“. Entscheidend ist dabei, dass wir uns das nicht als Ziel für die Zukunft vornehmen können, sondern jetzt damit beginnen. Meditation und Yoga sind dafür gute Mittel. Wir lernen dabei, uns selbst zu fühlen. Und dann ist – wie gesagt – das Leben unser bester Lehrer: es präsentiert uns immer wieder Situationen, die uns herausfordern. Besonders uns nahestehende Personen (Partner, Familie) tun genau das, was unsere Emotionen zur Wallung bringt. Wenn dich etwas wütend oder traurig macht, dann ist genau der Moment, um dich selbst bei dieser Reaktion zu beobachten. Wenn es dir gelingt, über die Emotion zu gehen, sie zu fühlen, dann bist du auf gutem Weg. Anstatt dich in die Emotion hinein ziehen zu lassen, beobachtest du dich. Du fühlst interessiert, was in dir abgeht. Da wird vermutlich alter Schmerz aufgedeckt. Schau ihn dir an! Wenn du dies als Beobachter tun kannst, wird Raum entstehen. Du wirst ruhig. Und du kannst dann deinem Gegenüber sogar dankbar sein, dass er/sie diese Emotion in dir geweckt hat.

Und so wirst du gelassen und ruhig.

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