Bewusstsein und Politik – geht das?

Ich habe mich entschlossen, für die Wahlen zum Grossen Stadtrat (Stadtparlament) in Luzern zu kandidieren. Die SP Stadt Luzern hat mich angefragt – und nach einer gewissen Bedenkzeit habe ich zugestimmt. Zum einen musste ich mir überlegen, ob ich es zeitlich mit meinen übrigen Aktivitäten untern einen Hut bringen würde, falls ich gewählt würde und zum anderen stellte ich mir die Frage, ob sich politisches Engagement mit bewusstem Leben verbinden lässt. Ich habe dann zwei Mal Ja gesagt und möchte hier erläutern, was ich unter „bewusster Politik“ verstehe.

Die vielen Egos, die sich in der Politik tummeln, die Machtmenschen und Selbstdarsteller, die oft einfach eigene Interessen durchsetzen wollen, sprechen ja eher gegen ein Engagement in der Politik. Bewusste Politik bedeutet aus meiner Sicht, dass es nicht um die Bestätigung des Egos gehen darf, das sich über andere zu stellen versucht, andere ins Unrecht setzen will und sich dadurch wichtig macht. Es bedeutet, dass ich meine Mitwirkung im politischen Prozess anbiete, und dass die Wählerinnen und Wähler dieses Angebot annehmen können – oder auch nicht. So stelle ich mich nun dieser Wahl und hoffe, dass ich das ganz ohne Ego-Anteil schaffe. Erst nachdem ich für mich geklärt hatte, dass es mir nicht darum geht, mich irgendwie im aussen zu bestätigen, habe ich für diese Kandidatur zugesagt.

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Im Prinzip könnte ich auch sagen, es kommt ja eh wie es kommen muss. Es geht in erster Linie darum, dass man das akzeptiert, was gerade ist. Diese persönliche Grundhaltung ist durchaus in Ordnung. Aber auf gesellschaftlicher und politischer Ebene müssen wir Missstände und Fehlentwicklungen sicher nicht einfach hinnehmen. Wir dürfen uns für unsere Werte einsetzen. Ich möchte dies aber positiv formulieren und auch so leben.

Gerade die Entwicklungen in den letzten Monaten, sei es global in der Flüchtlingskrise, sei es national mit den wiederholten Vorstössen der Rechten gegen alles Fremde oder lokal bei den Sparaktivitäten im Bildungsbereich,  haben mich bewogen, diese Anfrage anzunehmen. Ich möchte versuchen, hier einen Beitrag zu einer bewussteren, menschenfreundlichen, umweltbewussten und positiven Politik zu leisten.

Das ist für mich klar – es geht bei meinem politischen Engagement darum, dass ich mich für eine lebenswerte Stadt einsetze. Dass ich mich für die Schwachen einsetze, sei es im sozialen Bereich oder in der Bildung – mit den Schwachen sind jene gemeint, die sich gegen ungerechte Verhältnisse nicht selber wehren können. Das können ältere Menschen sein, Kinder oder MigrantInnen und Flüchtlinge. Zudem ist für mich logisch, dass ich mich für einen schonenden Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen einsetze, zum Beispiel bei der Förderung des Öffentlichen Verkehrs oder fürs Radfahren.

Beim Umgang mit den anderen Parteien werde ich versuchen, den Weg des Konsenses zu gehen. Das könnte schwierig sein, da dies im politischen Alltag eher die Ausnahme ist. Man ist ja ständig im Wahlkampf und versucht die Positionen der Gegner zu bekämpfen. Mal schauen, ob ich hier etwas ausrichten kann. Ich finde zum Beispiel aktuell das Zusammenstehen verschiedener politischer Kräfte gegen die ausländerfeindliche „Durchsetzungsinitiative“ der SVP eine gute Sache. Hier versucht eine Koalition der Vernunft von rechts (oder jedenfalls von der Mitte) bis links, die Mehrheit noch für sich zu gewinnen. Aber vernünftige Argumente haben es einfach etwas schwerer als die plakativen Parolen der Rechten. Auch hier finde ich es richtig, dass wir uns für das engagieren, was uns wichtig und richtig erscheint.

Wenn ich aktuellen Entwicklungen von einer höheren Bewusstseinsebene betrachte, erkenne ich viel Not – auf allen Seiten. Es gibt die Not der Vertriebenen, der Kriegsflüchtlinge, der Menschen ohne Zukunft in ihrer Heimat. Und es gibt die subjektive Not der verängstigten, beunruhigten Menschen bei uns. Auch diese Nöte sind aus Sicht der Betroffenen real. Und viele dieser Menschen fühlen sich von der Politik nicht verstanden. Natürlich sehe ich das persönlich anders. Aber zu einem bewussten Umgang in der Politik gehört auch, dass man die andere Seite respektiert. Wir tendieren gerne dazu, die anderen pauschal in einen Topf zu werfen und sie zu verurteilen. Oder sie von oben herab zu behandeln und ihnen zu verstehen zu geben, dass sie die Dinge falsch sehen. Von der Ebene eines höheren Bewusstseins ist klar, dass ich auch diese Menschen respektieren und akzeptieren soll. Jedenfalls im direkten Kontakt mit solchen Menschen. Schau mal, was passiert, wenn du dich ehrlich und offen für einen solchen Menschen interessierst.

Mir ist vor Jahren mal folgendes passiert: ich war im Militärdienst, also in einem sogenannten Wiederholungskurs (WK), den wir alle zwei Jahre zu absolvieren hatten. Damals waren gerade viele tamilische Flüchtlinge in die Schweiz gekommen, und „Tamile“ war schon fast eine Schimpfwort geworden. Die Tamilen waren also die „bösen“ Fremden, die zudem eindeutig erkennbar waren. Wir hatten also eine Einführung zum Wachtdienst mit scharfer Munition. Uns wurde erklärt, dass wir einen Eindringling mit den Worten „Halt, oder ich schiesse!“ stoppen müssten – und wenn jemand tatsächlich weiter ginge, auf die Person zu schiessen. Nun meldete sich einer, der sagte, wenn es ein Tamile wäre, würde er sofort schiessen. Mir ging gleich der Laden runter, und ich dachte, was für ein A* er sei und dass ich mit diesem Kerl nichts mehr zu tun haben wollte. Aber da war ein etwas älterer Kollege, der nahm diesen Fremdenhasser nach der Veranstaltung beiseite und ging mit ihm ein Bier trinken. Er fragte ihn, was er denn gegen Tamilen hätte und ob sie ihm schon mal etwas getan hätten. Da begann der andere von seinen Problemen zu erzählen (Job verloren, von der Frau verlassen). Eigentlich war sein Spruch ein Notruf, hinter dem sich eine persönliche Tragik zeigte. Ich bewundere den Kollegen, der einfach mit einem ehrlichen Interesse diesen Menschen ansprechen konnte. Für mich ist er heute noch ein Vorbild.

Gleichzeitig kann ich klar und wenn nötig auch dezidiert gegen diese Tendenzen in der Gesellschaft auftreten. Ich bin gespannt, ob es mir gelingt, dies auch in der politischen Praxis so zu leben.

 

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