Festtage und Arschengel

Die Festtage bieten wieder jede Menge Gelegenheit, sich mit dem Phänomen der „Arschengel“ zu befassen. Sagt dir das etwas? Als Arschengel bezeichnet Robert Betz die lieben Mitmenschen, die uns dort treffen, wo es weh tut – und uns dadurch die Möglichkeit geben, unsere Schwächen und Verletzungen zu fühlen und bewusst damit umzugehen und sie vielleicht sogar aufzulösen. Deshalb sind diese Menschen auch Engel, die uns einen wunderbaren Dienst erweisen, für den wir dankbar sein dürfen.

Es sind die Menschen, die uns besonders nahe sind, die am besten die Rolle der Arschengel spielen können. Die Familie ist geradezu prädestiniert dafür, und zwar können das die Eltern sehr gut, auch Geschwister und die eigenen Kinder. Und natürlich die Partnerin oder der Partner. Und in der Weihnachtszeit sind wir mit hohen Erwartungen und entsprechend verletzlich in sehr engem Kontakt mit der Familie. Wer weiss besser, wie er einen nerven kann, als die eigenen Eltern? In der Begegnung mit den Eltern sind alte Muster greifbar nahe, die auf beiden Seiten nur darauf warten, aufgedeckt zu werden. Es gibt das Sprichwort, man müsse jemanden, der glaubt erleuchtet zu sein, einmal eine Woche mit seinen Eltern verbringen lassen. Dann würde er sehen, wie erleuchtet er sei. Aber den Dienst erweisen wir uns gegenseitig: denn auch die Kinder können ihre Eltern sehr zielgerichtet an ihre Grenzen bringen.

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Und in der Familie geschieht dies sehr auf die persönlichen Bedürfnisse abgestimmt – die lieben Kinderlein und Eltern treffen genau den wunden Punkt. Und was kannst du jetzt tun, wenn dich deine Mutter wie den kleinen Jungen von damals behandelt, wenn der Vater beleidigt ist, dass du dich nicht öfters gemeldet hast und dir das indirekt zu verstehen gibt? Und deine Reaktion: Wieso kann er nicht mal direkt sagen, was ihn stört? Weshalb meldet er selbst sich nicht? Hat er sich überhaupt je für mich interessiert? Wo war er, als ich ihn brauchte? Eine kleine Bemerkung von deinen Eltern, und alte Verletzungen brechen auf. Du kannst jetzt mit gleicher Münze zurückzahlen, denn auch du weisst bestens, wie du deine Eltern nerven kannst. Oder du ziehst dich zurück und lässt die anderen allenfalls deine schlechte Laune spüren. Aber du hast auch die Wahl, ganz anders zu handeln.

Das Beispiel mit den Eltern funktioniert wunderbar auch mit der Partnerin. Gerade weil wir uns so nah sind, trifft man früher oder später die wunden Punkte. Das ist mir und meiner Partnerin neulich passiert: ein altes Muster von mir trifft auf eines von ihr – und das schmerzt. Am Anfang standen unterschiedliche Wahrnehmungen, die auf alte Verletzungen treffen. Schlieslich war ich traurig, es kamen Verlustängste in mir hoch. Und dies war der Moment, wo ich es zunächst so aussprach und dann diesen Gefühlen nachgegangen bin – und meine Partnerin bei sich selbst. Woher kommen diese Emotionen, durch was wurden sie ausgelöst? Wie fühlt sich das jetzt an? Erinnert mich dies an etwas aus der Vergangenheit? Und wenn ich dann dieses Gefühl ins Herzen nehmen und es annehmen kann, dann kommt auch die Dankbarkeit für die Partnerin, die dies in mir hervorgeholt hat. Und diese Seite – das gegenseitige Arschengel-Spielen – gehört genau so zu einer Beziehung, wie das sich Getragen- und Verbunden-Fühlen.

Zurück zur heiligen Zeit und ihren Herausforderungen: Wenn du also in diesen Tagen von deiner lieben Familie so richtig getriggert wirst, darfst du dies dankbar annehmen. Vielleicht gelingt es dir nicht gerade im Moment, denn die alten Verletzungen können sehr tief sein. Aber versuche dich auf deine eigenen Gefühle zu konzentrieren, beobachte, was in dir passiert und versuche die Ursachen und Hintergründe zu fühlen. Wenn du das schaffst, wirst du dies als Geschenk erkennen und deinen Arschengeln dankbar sein. Mit ihrer Hilfe kommen wir einen Schritt weiter. In diesem Sinn wünsche ich frohe Festtage!

 

2 Gedanken zu “Festtage und Arschengel

  1. Ein schöner Beitrag zur Achtsamkeit. „Und höchstens 3/4 des Magens füllen“ wie es in den Yogasutras steht. Aber ich möchte dich fragen warum das die „heilige“ Zeit ist?
    MfG toe

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