Mannsbilder – Ergänzung

Beim letzten Blogbeitrag habe ich doch einiges unterschlagen – und es ist sicher interessant zu sehen, was ich ausgelassen habe… Ich habe mich auf das Buch von Peter A. Schröter und seine Interpretation des Parzival bezogen. Ich habe vom Muttersöhnchen, vom Held und Krieger sowie vom König gesprochen, von Phasen die man durchleben muss, die man kennen muss, um ein vollständiger Mann zu sein. Nach Schröter gehören zu einem vollständigen (er nennt es den phallischen) Mann zwischen dem Krieger und dem König noch der Magier sowie der Liebhaber.

Schröters Ansatz zum vollständigen Mann umfasst vier Schwerpunkte:

  • Der Krieger (Power und Macht)
  • Der Magier (Sterben und Tod)
  • Der Liebhaber (Männliche Sexualität)
  • Der König (Balancierte Männlichkeit)

Es lohnt sich also (für mich jedenfalls), die bisher unterschlagenen Magier und Liebhaber etwas genauer anzusehen.

God da Tamangur
God da Tamangur

Der Liebhaber verkörpert also die männliche Sexualität. Wie alle oben erwähnten Bilder hat er verschiedene Aspekte, quasi eine helle und eine dunkle Seite. Beim Liebhaber bedeutet dies auf der einen Seite der Macho, der Don Juan, der seine Sexualität auslebt und dabei Angst hat vor einer tieferen Bindung. Angst ist ein gutes Stichwort – der Macho ist zu einem guten Teil ein Produkt der Angst vor dem Weiblichen – dem Weiblichen in der Partnerin, aber auch in uns selbst. Der Macho lässt keine Gefühle zu und verdrängt weiche Seiten in sich. Positiv gesehen, lebt der Liebhaber seine Sexualität, seine sexuelle Kraft. Er nimmt sich, was er will. Das bringt ihn in die Nähe des Kriegers, der ebenfalls seine Kraft lebt. Wenn wir diese Kräfte annehmen, erlangen wir Klarheit und Stärke. Wenn wir unsere Sexualität befreit von Ängsten leben können, wenn wir uns unserer Stärke bewusst sind und gleichzeitig Mitgefühl leben, dann ist sie Ausdruck unserer Lebenskraft und verstärkt diese. Und es ist ja eigentlich klar, dass alles bei uns selbst beginnt (und aufhört…). Wir dürfen also zuerst uns selber in unserem Körper annehmen und gut für ihn sorgen. Dann können wir diese Kraft fühlen, mit einer Partnerin/einem Partner teilen.

Der Magier steht für Leben und Tod, ich sehe ihn auch als Verbindung von Geist und Erde. Der Magier ist offen für die Geheimnisse des Lebens (einige kennt er vielleicht sogar), für die Wunder, für das Unerklärliche. Er ist sowohl in den Sternen zu Hause wie in den Wundern der Natur. Er ist ein Heiler und Kundiger. Aber er weiss auch, dass er nichts weiss und deshalb ist er offen für Neues. Diese Seite des Mannes entdecken wir wohl erst, wenn wir den Krieger im aussen gelebt haben. Der Magier ist ein reifer Mann, der seine spirituelle Seite entdeckt – und wenn man sich in Literatur und Kunst umschaut, gibt es mehr solcher Magier, als man dachte. Das können Wissenschaftler sein (Einstein, Hawking als Beispiel), Psychologen (z.B. Jung), Schriftsteller (Goethe, Hesse, Saint-Exupéry), Maler (Hundertwasser), Philosophen (schon die alten Griechen: Pythagoras, Platon und Sokrates, auch Nietzsche), Heilkundige (Paracelsus, Hahnemann), natürlich alle spirituellen Lehrer und Meister (Laotse, Buddha, Jesus, Meister Eckhard, bis Eckhard Tolle) und so weiter. Ich habe mich mit 49 Jahren dieser Seite in mir zugewendet. Es ist ein Aspekt, der gerade in unserer Zeit, die doch so sehr von den Kriegern dominiert wird, sehr wichtig ist. Wobei ich jetzt nicht den Krieger schlecht machen will.

Auch beim Krieger gibt es die helle und die dunkle Seite (der Macht…). Wir können die Krieger-Energie nutzen, um unsere Aggression auch im positiven Sinn zu nutzen. Sich durchsetzen, sich aktiv für etwas einsetzen, sich kraftvoll in seine Projekte und Aktivitäten im äussern einbringen, das sind die hellen Aspekte. Wenn wir aber im äusseren bleiben, uns durch diese Rolle identifizieren und die weiche, mitfühlende Seite vernachlässigen, dann vergeben wir eine grosse Chance.

Und ja, die weibliche Seite gehört auch zu einem vollständigen Mann. Während der Krieger im äussern aktiv ist, sich in der Welt verwirklicht, dürfen wir auch unsere passive Seite leben. Wer nur im aussen powert, der brennt aus. Wir müssen auch abschalten, dürfen geniessen und uns verwöhnen (lassen). Mitgefühl ist eine eher weibliche Eigenschaft, die aber der Schlüssel zur Erlangung des Heiligen Grals bei Parzival ist.

Durch bestimmte Lebensumstände, sei es in der Familie, im Beruf oder in der Partnerschaft, werden gewisse Aspekte stärker angesprochen. Wir nehmen einen Rucksack mit und packen im Verlaufe unseres Lebens allerhand zusätzliches hinein. Dieser Erfahrungsschatz ist oft auch Ballast, führt zu bestimmten Mustern. Diese dürfen wir erkennen. Wenn wir hinter die Muster blicken können, sehen wir vernachlässigte oder einseitig betonte Aspekte. Es ist wohl der Magier in uns, der uns hilft, diese Muster zu erkennen und aufzulösen.

Vermutlich endet dieser Prozess nie – er begleitet unser ganzes Leben und macht gleichzeitig seinen tieferen Sinn aus. Ob wir am Schluss den heiligen Gral finden, ob wir wirklich König werden, bleibt offen. Aber anstreben sollten wir es. König können wir sein, ohne dass wir schon perfekt sind. Wenn wir die hellen und dunklen Seiten in uns vereinen, die schwache und starke Seite leben, dann sind wir auf einem guten Weg, davon bin ich überzeugt. Und wenn wir achtsam sind, dann fühlen wir sehr wohl, was noch zu tun ist. Das Leben bringt uns diese Erfahrungen.

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