Recht haben

Wenn wir Recht haben wollen, ist dies ein sicheres Zeichen dafür, dass das Ego am Werk ist. Wir wissen auch, dass wir nicht werten sollten und Dinge so annehmen, wie sie sind. Und doch gibt es Momente, da wissen wir einfach, dass das, was jemand sagt oder tut, nicht richtig ist. Wie geht das zusammen? Und wie können wir damit umgehen?

Da ist manchmal dieses Gefühl, ob etwas richtig oder falsch ist. Ich hatte es neulich, als ich einen Beitrag las, indem eine geschätzte Kollegin darüber schrieb, dass es eine immer grösser werdende Kluft zwischen „uns, den Bewussten“ und den „anderen, den unbewussten Menschen“ gäbe. Für mich war sofort klar, dass diese Wahrnehmung von uns und den anderen „falsch“ ist. Es widerspricht der Vorstellung, dass wir alle eins sind, dass wir mit allen und allem verbunden sind. Die Trennung zwischen mir/uns und den anderen ist klar ein Produkt des Ego-Verstandes. Die anderen mit ihren aus unserer Sicht falschen Vorstellungen gehören genauso zu uns. Ohne uns gäbe es sie nicht – und umgekehrt. Und dass wir ihren Standpunkt als falsch wahrnehmen, hat vor allem mit uns selbst zu tun. Die Aussage im erwähnten Beitrag steht also im Widerspruch zu einem Grundgesetz, zu einer höheren Wahrheit.

Und wer sagt dies jetzt? Ist das ein anderes Ego, das meint Dinge richtig zu interpretieren, während die anderen falsch liegen? Ist dies ein wertendes Ego, das sich über andere stellt und so auch wieder eine Trennung zwischen mir und den anderen herstellen will?

Rofflaschlucht bei Andeer (Graubünden)
Rofflaschlucht bei Andeer (Graubünden)

Neulich verfolgte ich fasziniert eine Diskussion auf Twitter, in der ein bekannter spiritueller Lehrer einem Kritiker sagte, er sei ein Idiot. Wortwörtlich! Der Kritiker hatte in einer wissenschaftlichen Zeitschrift das Konzept der Quantenheilung in Frage gestellt und es als einen Modetrend dargestellt. Ja, er hat sich wohl auch etwas lächerlich gemacht über die Begründung von Spontanheilungen mit naturwissenschaftlichen Begriffen. Das führte schliesslich zu der hitzigen Diskussion auf Twitter. Mich erstaunte weniger die Argumentation des Naturwissenschaftlers als die emotionale Reaktion des Spirituellen. Und ich sah ein grosses Kleines Ego, das sich missverstanden fühlte und das unbedingt Recht haben wollte. Ich hätte jetzt  sagen oder schreiben können, der spirituelle Lehrer wäre besser in sich gegangen und hätte diese Kritik annehmen sollen. Doch damit würde ich mich wiederum das Verhalten des spirituellen Lehrers werten, mich über ihn stellen. Es wäre also nicht richtig, in diesen Disput einzugreifen und andere zu kritisieren.

Mein Ego könnte sich in einer solchen Situation als Oberlehrer aufspielen. Ich könnte die beiden zitierten spirituellen Menschen kritisieren, sie öffentlich in sozialen Medien zurechtweisen. Damit würde sich mein kleines Selbst aufplustern und allen zeigen, dass ich (angeblich) besser sei als die Kritisierten. Und damit wäre ich auf dem Holzweg.

Es geht also nicht darum, ob wir Recht haben und dass wir unseren Standpunkt verteidigen. Wir können aus solchen Situationen immer etwas für uns lernen. Die hitzige Reaktion des spirituellen Lehrers war für mich ein schönes Beispiel, dass wir nicht gefeit sind von solch emotionalen Reaktionen des Egos. Wenn etwas den wunden Punkt in uns trifft, kann auch ein sehr bewusster Mensch explodieren… Und es bietet sich uns die wunderbare Gelegenheit, das Thema genauer anzuschauen. Was war der Trigger? Was passiert da weshalb in uns? Worauf ich hinaus will: die Reaktion ist nicht falsch. Sie ist, wie sie ist. Das gilt für meine eigene Reaktion wie jene, die ich bei anderen wahrnehme.

Wenn jemand anderer Meinung ist als ich, wenn jemand Dinge tut, die ich falsch finde, geht es für mich darum zu erkennen, was das in mir auslöst. Ich muss also nur auf mich schauen. Ich kann annehmen, dass der andere gewisse Gründe hat, so zu denken oder zu handeln. Und dass dies aus seiner Sicht vermutlich richtig ist. Ich kann für ihn mein Herz öffnen, für ihn Mitgefühl empfinden. (Das Gleiche kann ich auch für mich selbst tun, wenn ich feststelle, dass ich mich „falsch“ verhalten habe.) Und falls mich die andere Person um Rat fragt, kann ich ihr herzlich und klar meine Meinung dazu sagen.

Und würde ich denn alles tolerieren? Nein, natürlich nicht. Wenn diese Person anderen Schaden zufügen will, wenn Schwächere unter ihr leiden, dann bin ich aufgefordert, mich für die einzusetzen, die sich nicht selber wehren können. Ich werde auf mein Herz vertrauen, das mir sagt, wann ich eingreifen soll. Dann geht es aber nicht darum, dass ich Recht habe, sondern dass ich Unrecht nicht zulasse.

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