Der gegenwärtige Moment

Wir haben nur den gegenwärtigen Moment,
nur diesen einzigartigen und ewigen Augenblick,
der sich vor unseren Augen öffnet und entfaltet,
Tag und Nacht.

Dieses Zitat von Jack Kornfield begegnete mir dieser Tage gleich zwei Mal: zuerst las ich es in einem Buch von ihm, dann war es das Tageszitat in einem Kalender meiner Partnerin. Ein schöner Anlass, um mich auch zum Thema Leben im Jetzt zu äussern. Etwas vom ersten, was ich auf meinem Weg zu lesen begann, war Eckhart Tolles „Leben im Jetzt“. Er vermittelt alte (vor allem buddhistische) Weisheiten sehr schön in einer Sprache, die wir gut verstehen. Und einer der zentralen Grundsätze ist jener, dass wir nur im gegenwärtigen Moment leben können.

Für einen gelernten Historiker war es nicht ganz einfach, sich von der Vorstellung zu verabschieden, wie wichtig unsere Geschichte sei, wie stark die Geschichte eine Gesellschaft präge. Wobei es auf der persönlichen Ebene noch viel schwieriger ist. Unsere ganze Identität basiert vorwiegend auf Vergangenem. Wenn man jemanden fragt, wer er ist, wird er sich mit Dingen aus der Vergangenheit beschreiben: was er gemacht hat, wo er herkommt etc. Unsere Familiengeschichte prägt uns, unser Verhältnis zu den Eltern und Geschwistern hat einen grossen Einfluss auf unsere Identität und unsere Befindlichkeit. Und das soll alles unwichtig sein?

Blick von Brüsti in Richtung Urner Reusstal und Windgälle
Blick von Brüsti in Richtung Urner Reusstal und Windgälle

Das Motto „Leben im Jetzt“ oder die Vorstellung, dass nur der gegenwärtige Augenblick wirklich ist, behauptet nicht, dass Vergangenes keinen Einfluss auf dich und dein heutiges Leben hat. Aber real ist nur das, was jetzt gerade ist. Alles andere ist Vorstellung und existiert nur in deinem Kopf (und im Körper…). Wenn wir uns mit unserer Vergangenheit befassen, können wir dies auch nur jetzt tun. Und auch Probleme, die aus der Vergangenheit stammen, können wir nur im Jetzt betrachten und auflösen. Ich bin der Ansicht, dass unser Leben uns die Gelegenheiten bietet, die wir benötigen, um alte Themen zu bearbeiten. Wenn uns etwas negativ beeinflusst, wenn wir uns ärgern, wütend oder traurig sind über etwas, das die Wurzeln in der Vergangenheit hat, können wir es jetzt betrachten. Wir können fühlen, was in uns vorgeht, was diese Gedanken in uns auslösen. Und dann können wir dieses alte Thema im Jetzt annehmen. Wir können jetzt den Beteiligten vergeben – uns inklusive. Wenn wir erkennen, dass alle damals so gehandelt haben, wie sie gerade konnten, dass alle in ihren Augen das Beste gegeben haben, dann können wir sehr alte „Geschichten“ auflösen.

Neulich war ich in einem Seminar bei Katharina Vonow. Wir machten einen Ausflug in ein altes Haus in Graubünden. Hier hat eine Bekannte ein kleines Museum eingerichtet. Doch in diesem Raum ist es niemandem wohl. Wir fuhren also mit einer kleinen Gruppe dorthin und fühlten, was in diesem Raum geschah. Es war eine Schwere da, die einzelnen das Atmen schwer machte. Wir haben uns dann diesen alten Themen gestellt. Wir haben gefühlt, dass in diesem Raum früher Ungerechtigkeiten geschehen sind. Ich habe gefühlt, dass hier Männer Recht sprachen, die dabei Menschen ungerecht behandelten. Wir konnten uns in die Täter und Opfer einfühlen – und wir anerkannten, dass diese Richter ihr Bestes gaben. Sie glaubten Recht zu sprechen, beriefen sich auf Gesetze und Konventionen – und sie taten dabei Unrecht. Mir kamen dann die vielen Mitarbeitenden in Behörden in den Sinn, die noch heute nach gutem Treu und Glauben Gesetze und Richtlinien durchsetzen – und dabei fühlen, dass das irgendwie nicht gerecht ist. Die von einem schlechten Gewissen und vielleicht sogar von Alpträumen geplagt werden. Ich war plötzlich eins mit all diesen Richtern – ob weltlich oder kirchlich -, mit Behörden und gewählten Amtspersonen, die auf dem Papier das Richtige taten aber im Herzen fühlten, dass es nicht richtig ist. Und jetzt, in diesem Moment, konnte ich diese Menschen in mein Herz nehmen und ihnen vergeben. Wir taten dies in der Gruppe, und die Atmosphäre im Raum lichtete sich spürbar auf.

So kann ich auch mit persönlichen Geschichten umgehen. Unser Ego beschäftigt sich sehr stark mit Vergangenheit und Zukunft. Wenn wir dem folgen, verpassen wir das eigentliche Leben. Wenn wir bewusst im Jetzt leben, sind wir viel aufmerksamer, nehmen viel lebhafter wahr, was geschieht, wie wir uns dabei fühlen. Wir können kleine Dinge in der Natur bewundern, flüchtige Momente wahrnehmen und gleich wieder ziehen lassen. Achtet euch einmal, wie viel unbewusste Menschen reden und wie oft sie dabei über Vergangenes sprechen. Mit dem, was jetzt und hier ist, hat das meistens nichts zu tun. Entsprechend ist es eigentlich nicht wichtig. Immer wieder begegne ich beim Wandern Menschen, die drauf los plappern über dies und jenes, das war und geschehen ist. Dabei nehmen sie überhaupt nicht wahr, wo sie durchgehen, sehen nicht die Blumen, die Insekten – ja nicht einmal die Adler, die hoch am Himmel kreisen. Sie sind eigentlich gar nicht hier.

Im Jetzt zu sein kannst du sehr gut beim Meditieren üben. Da geht es eigentlich um nichts anderes. Lass deinen Geist ruhig werden, konzentriere dich auf deinen Atem, der genau jetzt passiert. Und dann versuch, diese Haltung, diese Achtsamkeit auf den gegenwärtigen Moment auch in deinen Alltag zu tragen. Du wirst staunen, wie viel bunter, schöner, lebendiger alles wird!

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