Die Ruferin in der Wüste

Ja, das kleine Mädchen polarisiert! Und das soll auch so sein. Wenn dich also Greta triggert, dann ist schon ein erstes Ziel erreicht. Wenn du dann auch noch tatsächlich hinterfragst, was du zur Rettung unserer Welt beitragen kannst, ist auch ein zweiter Schritt getan.Gestern habe ich einem überfüllten Zug von einer älteren Frau folgendes gehört – und ja, es war eng und mühsam, die Dame sass eineinhalb Stunden am Boden und war bestimmt ziemlich aufgebracht…: „Wegen dieser Göre da, dieser Greta, müssen wir nun alle Zug fahren. Die sollte besser zur Schule gehen oder mal was arbeiten. Sie meint, sie könne die Welt verändern. Da hätte sie vor 30 Jahren kommen sollen.“ So sinngemäss schimpfte sie lautstark. Wenn ich den Nerv hätte, auf sozialen Medien solchen Menschen zuzuhören, würde ich noch viel mehr und viel Heftigeres zu lesen kriegen.

Abgesehen davon, dass die Aussage der Dame im Zug (wie die meisten Kommentare im Netz) einfach nur dumm sind und sich oft in sich selbst widersprechen, ist doch die reine Tatsache, was dieses Mädchen in uns auslöst, sehr erhellend. Neulich las ich im Tages-Anzeiger einen Meinungsbeitrag, der Greta mit den alttestamentarischen Propheten verglich. Auch sie waren sture, unbarmherzige Ankläger. Für ihre Mission nahmen sie Schimpf und Schande in Kauf. Aber sie waren überzeugt, im Namen Gottes zu handeln und zu sprechen. Und die Menschen haben diese Propheten gehasst, wenn sie sich direkt an sie wandten und ihr Fehlverhalten tadelten. Aus der Ferne (zeitlich und räumlich) hat man sie aber für ihre Weitsicht und ihre Unerschrockenheit verehrt.

Und jetzt kommt dieses Mädchen. Als Autistin kennt sie keine Kompromisse, nur richtig oder falsch. Anstatt zur Schule zu gehen, setzte sich sich aus Protest jeden Freitag vor das Stockholmer Parlament mit der ikonischen Tafel: Schulstreik für das Klima. Nur schon dieses Bild hat eine unglaubliche Kraft: ein Mädchen, das eine Konsequenz an den Tag legt, die wir glauben uns nicht leisten zu können. Wir haben ja anderes zu tun. Kinder müssen zur Schule gehen, wir Männer müssen Geld verdienen, unseren Job machen – oft denken wir, dass wir diese für andere tun müssen. Weil es andere von uns erwarten oder weil wir uns haben einreden lassen, dass das wichtiger sei. Wenn ich als Erwachsener mit der Tafel vor dem Parlament sässe, würde man mich vermutlich für verrückt halten. Und dieses Mädchen ist es ja in einem gewissen Sinn auch – aber es scheint ihr egal zu sein, was andere von ihr denken. So wird der Autismus zu einer Superkraft.

Und das ärgert viele: Dieses Mädchen masst sich an, uns die Leviten zu verlesen. „Wie konntet Ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen mit Euren leeren Worten?“ fragte sie wütend die versammelten Staats- und Regierungschefs am UN-Klimagipfel und meinte uns alle damit. Alle erwachsenen Menschen, die unbewusst mit am Grab dieses Planeten schaufeln.

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Folgen des Klimawandels: geschmolzener Pizolgletscher

Und da kommt mir dieser Schweizer SVP-Politiker in den Sinn, der am Fernsehen im Rahmen der Debatte zum neuen CO2-Gesetz meinte, die Schweiz könne ja gar nichts ausrichten. Wir seien viel zu klein, um wirksam Einfluss aufs Klima nehmen zu können. Das ist ja meine Lieblingsausrede! Was kann ich denn tun, wenn die anderen nichts unternehmen?

Und genau da kommen wir auf den Punkt: Es geht immer (IMMER!) zuerst um dich, um jeden einzelnen von uns. Es geht nur darum, was ich zu einer besseren Welt beitragen kann. Auch wenn es nur dieser Tropfen ist, der auf dem heissen Stein verdampft. Es geht darum, dass wir uns unserer Aufgabe und unserer Verantwortung bewusst werden. Dass wir achtsam durch unser Leben gehen und dabei Gutes tun. Wir müssen zuerst Frieden mit uns selbst schliessen, dann mit unserer Umgebung und mit unserer Umwelt. Wir müssen (Danke an Greta für diese klare Forderung!) uns bewusst werden, wie wir handeln und was dieses Handeln für Auswirkungen auf die Welt hat. Und dann handle entsprechend konsequent. Reduziere deinen Konsum. Suche nicht in den Dingen Befriedigung, sondern im SEIN. Nutze nachhaltige Produkte. Reduziere umweltbelastende Aktivitäten. Lebe es vor, zeige damit anderen, dass ein solches Leben möglich ist und dass es glücklich macht.

Dann kann es sein, dass du mehr tun willst. Dass es nicht reicht, wenn du für dich selbst so lebst, wie du es für richtig hältst. Dann halte dich nicht zurück! Nimm das Plakat und setz dich vor das Parlament! Oder engagiere dich politisch und gib jenen deine Stimme, die sich wirklich für einen lebenswerten Planeten einsetzen. Unterstütze Menschen, die ihr Ding durchziehen und wirklich nachhaltige Produkte anbieten. Investiere dein Geld in solche Projekte!

Und was hat das nun mit Männerherz und Männerthemen zu tun? Tja, ich denke, dass wir als Männer ganz besonders gefordert sind. Wir waren in den letzten Jahrhunderten sehr aktiv dabei, unsere Welt an den Abgrund zu reiten. Entsprechend gross ist unsere Verantwortung. Und die können wir als wahre Erwachsene (König/Magier/Krieger/Liebhaber), die mit sich und ihrer Umwelt im Reinen sind auch wahrnehmen. Wir sollten uns nicht schämen und nicht rechtfertigen für das, was schief gelaufen ist. Aber wir können jetzt, genau in diesem Moment, einsehen, dass wir unseren Kurs ändern müssen. If not now, when?

 

 

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