Noch ein Abschied

Irgendwie ist es noch immer etwas surreal: keine zwei Monate nach meiner Mutter ist nun auch mein Vater verstorben. Die beiden lebten zwar seit 40 Jahren getrennt, doch im Tod sind sie nun wieder vereint. Ich habe das Sterben meines Vaters ganz anders erlebt als den Sterbeprozess meiner Mutter. Darüber möchte ich heute berichten.

Man merkt es vielleicht schon an der Einleitung: Mein Vater war weiter weg als meine Mutter. Das galt sowohl physisch – er ist damals vor 40 Jahren von Luzern weggezogen – als auch emotional – er hat sich damals von der Familie getrennt, also auch von uns Kindern. Lange Zeit hatten wir kaum Kontakt, und auch später haben wir uns nur zwei-drei Mal pro Jahr gesehen. Auch meine Kinder haben ihn nur entfernt als Grossvater wahrgenommen. Er war in unserem Leben wenig präsent.

In der Manngeburt war der Vater natürlich ein grosses Thema. Ihm war das Magier-Wochenende gewidmet, als es um unsere Jugend und den Vater ging. Dabei wurde zum einen bestätigt, dass ich meinen Vater als einen nicht-präsenten, nicht-anwesenden Vater erlebt habe, der sich wenig für mich und meine Geschwister interessierte. Gleichzeitig erkannte ich aber auch sehr viele schöne Momente und war erstaunt, wie viele schöne Bilder ich von Aktivitäten mit meinem Vater hatte. Er war ein sehr sportlicher Typ, und wir haben vor allem in den Ferien viel Spass bei sportlichen Aktivitäten gehabt: in den Sommerferien am Neuenburgersee haben wir jeweils im Wasser Fussball gespielt, wobei wir hauptsächlich den Ball mit dem Kopf gespielt und jongliert haben. Dann haben wir zusammen Windsurfen gelernt. Auch nach der Trennung von der Mutter (und der Familie) haben wir gemeinsam den Wohnwagen an den See gefahren und aufgestellt – und danach konnte ich mit meiner Familie den Wohnwagen in den Sommerferien nutzen. Im Winter waren wir fast immer im Sörenberg, wo wir einen Wohnwagen fix installiert hatten. Hier haben wir Skifahren gelernt und haben fast jedes Wochenende und alle Ferien dort verbracht. Ich erinnere mich an schöne Wanderungen und daran, dass auch mein Vater dabei war, wenn wir uns für schöne Blumen begeisterten. Auch die Leidenschaft fürs Pilzesammeln teilte er mit meiner Mutter und mit uns. Also: da gab es ganz viele schöne Momente zu entdecken – und da stellte sich ein Gefühl der Dankbarkeit ein.

ich und mein Vater, Erich Mumenthaler Ende 2013

Es gab auch viel Verständnis für das Verhalten meines Vaters. Wenn ich in seine Geschichte eintauchte, entdeckte ich unendlich grosse Trauer und Verletzung. Seine Mutter wurde vom Vater verstossen, als mein Vaters fünf Jahre alt war, angeblich weil sie untreu gewesen sei. Und von einem Tag auf den anderen war die Mutter weg, die Kinder durften keinen Kontakt mehr zu ihr haben. Dafür sorgte die Stiefmutter, die gleich einzog und ein strenges Regime im Haus führte. Ich habe das schon früher erkannt, aber es verstärkte sich noch in der Manngeburt: wie würde ich mich mit einer solchen Geschichte verhalten? Es war absolut kein Wunder, dass mein Vater unsicher und eifersüchtig war und dass er Bestätigung ausserhalb suchte. Ich konnte ihm von Herzen verzeihen.

Ich wollte dies meinem Vater nach jenem Manngeburt-Wochenende mitteilen. Ich merkte aber, dass er meinen Dank, für das, was er für mich getan hatte, nicht wirklich annehmen konnte. Ich habe das Gefühl, dass er ein schlechtes Gewissen hatte, weil er nicht genug für uns getan hatte. Er hat das nicht offen gesagt, aber so fühlt es sich an. Aber ich sage es hier nochmals: Ich danke meinem Vater für das, was er für mich getan hat. Ich weiss, dass es so viel war, wie er nur konnte. Und ich verzeihe ihm, dass er sich mehr für seine eigenen Geschichten interessierte als für mich und meine Geschwister. Er steckte in seinem eigenen Sumpf.

Der Sterbeprozess meines Vaters verlief komplett anders als bei meiner Mutter. Vor etwa sieben Jahren musste der bis dahin sehr sportliche Mann erfahren, dass seine körperliche Leistungsfähigkeit massiv abnahm. Er hatte plötzlich Mühe beim Treppensteigen. Es dauerte lange, bis man endlich die Diagnose Amyloidose stellte. Dabei wird das Herz durch Eiweissablagerungen eingeschnürt. Eine tödliche Krankheit – aber das Herz meines Vaters schlug reduziert tapfer weiter. Es tat weh, den einst so stolzen sportlichen Mann zu erleben, wie er ständig schwächer wurde. Als es an Ostern 2018 Komplikationen gab, rechnete ich damit, dass ich ihn wohl zum letzten Mal im Spital besucht hatte. Doch er rappelte sich wieder auf, und der schleichende Zerfall ging weiter. Er wurde dabei von seiner Lebenspartnerin liebevoll gepflegt, wofür ich ihr von Herzen dankbar bin. Am 24. Januar besuchten wir Geschwister unseren Vater an seinem 85. Geburtstag. Er hatte so stark abgebaut, nun auch noch geistig, dass ich ihm danach wünschte, dass er wirklich gehen kann. Als wir uns am Wochenende vom 2./3. Februar im Rahmen der Manngeburt trafen, widmete ich das Wochenende auch meinem Vater und „dass er in Würde gehen kann“. Und das tat er dann am Sonntagmorgen, als er sich in sein Bett legte und seinen letzten Atemzug nahm.

Er hatte klare Vorstellungen davon, was nach seinem Tod geschehen soll: eigentlich nichts. Er wollte keine Feier, sicher keinen Pfarrer. Und er will, dass seine Asche im Sörenberg verstreut wird. Habe ich schon geschrieben, dass meine Mutter wollte, dass ihre Asche im Sörenberg verstreut wird? Das ist ja schon ein Grund zum Schmunzeln. Wie gesagt: im Tode vereint… Mein Vater hatte in den letzten Jahren Todesanzeigen gesammelt, die ihm gefallen haben. Aus einer dieser Vorlagen ist nun seine Todesanzeige entstanden mit einem Spruch, den er einmal für einen verstorbenen Kollegen herausgesucht hat:

Wenn ihr an mich denkt, seid nicht traurig.
Erzählt lieber von mir und traut euch, zu lachen.
Lasst mir einen Platz zwischen euch,
so wie ich ihn im Leben hatte.

Lieber Vater, genau das habe ich mit diesem Blogbeitrag gemacht: über Dich berichtet und davon, was wir schönes erlebt haben. Und ich gebe Dir den Platz in meinem Leben, den Du gerne eingenommen hättest, wenn Du es gekonnt hättest. Ruhe in Frieden!

3 Gedanken zu “Noch ein Abschied

  1. Lieber Rudolf, das ist wirklich ein sehr berührender Text, der mich noch vor 10 Jahren gar nicht erreicht hätte. Erst nach langjähriger Beschäftigung mit meinem „problematischen“ Vater, der vor 40 Jahren starb, motiviert er mich, diesen bewußten und erwachsenen Schritt, den Du gegangen bist, auch zu gehen: Vater und Mutter als Lebenssäulen zu erkennen und Frieden zu schließen. Das war bei mir ein langer trauriger Prozess. Mittlerweile kann ich es und da kam Dein Artikel gerade recht! Vielen Dank und liebe Grüße Uwe

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