Vom männlichen und weiblichen Prinzip

Das waren nährende, wundervolle Ferientage auf Kreta, die ich mit meiner Partnerin geniessen durfte. Wir konnten so richtig ausspannen bei schönen Wanderungen, beim Baden und Sonnenbaden am Strand, gutem Essen und vielen Gesprächen. Da ich mir das Buch von Thich Nhat Hanh „Wie Siddhartha zum Buddha wurde“ auf mein Tablet geladen und mitgenommen hatte, begleitete uns die Geschichte Buddhas die ganze Woche. Vor diesem Hintergrund beschäftigte mich das Thema vom männlichen und weiblichen Prinzip (wieder einmal).

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Da war zum einen die Geschichte Siddharthas und seiner Erweckung, zu seiner Lehre und ihrer Verbreitung. Es war faszinierend zu merken, wie lebendig diese Lehre geblieben ist und wie die Verbindung zu diesem wunderbarem Mensch über die Jahrtausende spürbar ist. In der Diskussion mit meiner Partnerin wurde mir klar, dass der Ansatz von Siddhartha ein typischer männlicher ist und dass sich hier das männliche Prinzip in seiner schönsten Form zeigt. Siddhartha suchte die ultimative Lösung, um den Menschen Friede und Freude zu bringen. Er erkannte das Leid, das wir uns selber schaffen, indem wir das Vergängliche für beständig halten, uns daran festhalten und unser Glück davon abhängig machen. Und er erkannte durch tiefes Eintauchen in seine eigene Wahrnehmung und sein Bewusstsein, dass wir die Aufhebung des Leids selber schaffen können. Weiter zeigte er den Weg auf, den alle Menschen (wirklich alle) gehen können und dadurch den Frieden (oder die Erleuchtung) erreichen. Als er den Weg gefunden hatte, war es für ihn klar, dass er dies nun möglichst allen Menschen mitteilen wollte, damit alle die Möglichkeit erhalten, sich vom Leiden zu befreien. Er scharte Menschen – vor allem Männer – um sich und gab seine Erkenntnis weiter. Er schuf Gemeinschaften und gründete Klöster, unterrichtete Laienschülerinnen und -schüler.

Dies kurz und unvollständig zum Hintergrund. Wer sich für die Geschichte interessiert, dem sei das Buch von Thich Nhat Hanh empfohlen. Er ist ein ausgewiesener Kenner, nicht nur der Fakten und Quellen, sondern auch der Lehre. In unseren Diskussionen und Gesprächen zeigte sich dann, dass meine Partnerin das Gesagte und Gehörte anders interpretierte als ich. Mich überzeugte der grosse Wurf der Erkenntnis vom Weg. Siddhartha suchte und fand diesen Pfad und vermittelte ihn an seine Schüler. Die Belehrungen und Erläuterungen waren wohl formuliert und überzeugend. Die Vergänglichkeit aller Formen ist ein Fakt, und wer sich und sein Glück von diesen vergänglichen Dingen abhängig macht, wird früher oder später leiden. Und wenn wir diese Vergänglichkeit erkennen und das „Unpersönliche“ (es heisst eigentlich Nicht-Selbst) anerkennen, können wir Frieden und Freude erlangen. Diese Lehre, die in Worte gefasst und weitergegeben wird, gibt eine tiefere Wahrheit wieder. Dies stellt für mich das männliche Prinzip dar: der Geist, der die grosse Wahrheit findet und sie dann weitergibt.

Nur genügt es dann nicht, dass man diese Lehre lernt, dass man die Kernaussagen auswendig lernt und wiedergeben kann. Es geht nicht darum, diese Lehre zu kennen, sondern sie zu verinnerlichen und in seinem Leben umzusetzen. Und hier kommt das weibliche Prinzip zum Zug. Meine Partnerin hat die schönen Belehrungen des Buddha mit den Worten kommentiert, das sei dann aber nicht so einfach. Es gehe darum, das in seinem Leben umzusetzen. Wir müssen uns unseren „dunklen“ Seiten stellen, unsere Ängste, Bedürftigkeit, Trauer etc. in einem längeren Prozess anschauen, um sie dann überwinden zu können. Es sind diese kleinen, sehr konkreten Schritte, die ich dem weiblichen Prinzip zuordnen würde. Sie sind ebenso wichtig, wie die grosse Linie, die der (männliche) Geist zeichnet.

Ich meine, es braucht beide Elemente: das männliche Prinzip des grossen geistigen Wurfs, der Erkenntnis, die gleichsam das Ziel unserer Reise aufzeigen kann. Es braucht auch eine grundsätzliche Einstellung zum Leben, die auf diesem Prinzip beruht. Wir müssen erkennen, dass der Moment genau so ist, wie er sein muss, dass alles vergänglich ist und dass unsere Welt von unserer eigenen Wahrnehmung abhängig ist. Es braucht also einen gewissen Bewusstheitsgrad, damit die kleinen konkreten Schritte wirklich fruchtbar und heilsam sind. Ohne dieses Ziel wären sie ein Krampf, der kaum zu Frieden und Freude führen würde. Doch ohne die kleinen Schritte bliebe die grosse Erkenntnis ein leeres Gedankengebilde, das zum Philosophieren anregt, aber keine Wirkung entfalten kann. Auch wenn ich diese Lehre verstehe, führt sie noch nicht zu meiner Befreiung. Ich muss sie verinnerlichen, fühlend annehmen. Verständnis (männlich) ist die eine Seite, Fühlen und Verinnerlichung (weiblich) die andere.

Ich habe schon darüber geschrieben, dass uns das Leben die Gelegenheiten bietet, die wir zum Verinnerlichen der Erkenntnis brauchen. Wir werden immer wieder herausgefordert und erleben Emotionen, die uns verdeutlichen, wo wir noch genauer hinschauen müssen. Achtsamkeit ist hierfür der Schlüssel. Damit verbinden wir auch das männliche mit dem weiblichen Prinzip, denn nicht das Trennende sondern das Verbindende ist entscheidend. Es ist also kein Gegensatz in den beiden Prinzipien – sie stellen nur zwei verschiedene Zugänge oder Aspekte ein und desselben dar.

Ein Gedanke zu “Vom männlichen und weiblichen Prinzip

  1. Schön, dass du deine Erfahrung mit uns teilst. Ich würde jetzt gerne darüber schreiben, dass Buddha nicht nur Mönchen/Männern lehrte, sondern sehr wohl hauslosen Frauen und Männern – also Nonnen und Mönchen – als auch engagierten Hausfrauen und Hausmännern, die eigentlich fälschlicherweise Laien (bezieht sich auf beide Geschlechter) bezeichnet werden. Tatsächlich scheinen alle 4 Linien bis auf die der Mönche unterbrochen worden zu sein. Deshalb herrscht das verzerrte Patriachat im heutigen Buddhismus vor. Aber du hast dich bewusst kurz mit dem Hintergrund gehalten und so soll mein Senf auch schon wieder enden.
    MfG toe

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