echtes Interesse

Mein Sohn hat mir neulich etwas sehr Schönes gesagt: Er würde sich wieder richtig für andere Menschen interessieren. Er habe das in letzter Zeit etwas vernachlässigt, merke aber wie wichtig ihm das sei. Viele würden bloss über Äusserlichkeiten und Oberflächliches reden, aber wenn er schon jemanden treffe, dann möchte er mehr als das und sich wirklich mit dem Gegenüber austauschen. Ist das nicht wunderbar?

Mein Sohn hat etwas ganz Wesentliches verstanden: die Begegnung mit Mitmenschen ist ein zentraler Aspekt unseres Daseins. Die Erfahrungen, die wir dabei machen, sind für uns wichtig. Wir lernen vom andern und wir tauschen uns aus. Wenn wir uns ganz auf das Gegenüber konzentrieren, wenn wir mit offenem Herzen und echtem Interesse zuhören, sind wir eins mit dem Augenblick. Wir leben im Jetzt. Nichts anderes hat jetzt Bedeutung. Es geht nicht ums Geschäft, um Sorgen und Nöte von gestern. Wir stellen uns nicht in den Vordergrund, sondern schenken dem andern unsere Aufmerksamkeit. Das ist das wohl grösste Geschenk, das wir überhaupt machen können.

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Ich weiss noch, wie dieser junge Mann schon vor einigen Jahren jeweils die Grosseltern auf eine Art nach ihrem Befinden fragte, die ganz anders als die üblichen Floskeln waren. Wenn er fragte, wie es geht, spürte man, dass es ihn wirklich interessierte. Worin besteht denn eigentlich der Unterschied? Und wie merkt man, wenn jemand aufrichtig und echt kommuniziert?

Wir wissen, dass Kommunikation nicht nur die ausgesprochenen Worte bedeutet. Es sind viele Aspekte, die wichtig sind: ob wir den Menschen in die Augen schauen, ob wir sie und ihre Stimmung wahrnehmen, ob wir wirklich hier und im Jetzt sind – das alles fühlt man. Wer also gleichzeitig auf sein Handy schielt oder sonstwie abgelenkt ist, der kann noch so mitfühlend fragen – es kommt nicht so an. Das ist mir auch schon passiert: ich hatte zwar das Gefühl, meiner Partnerin zuzuhören. Aber ich liess meinen Blick an ihr vorbei über die vorbeiziehende Landschft schweifen. Und schon entstand der Eindruck, ich sei nicht voll anwesend. Wenn es also ein persönliches Gespräch ist und wir echtes Interesse haben, sollten wir dem Gegenüber die volle Aufmerksamkeit widmen. Auch ein klingelndes Handy sollte uns davon nicht ablenken. Wir können ja in einer ruhigen Minute nach dem Gespräch zurückrufen.

Noch etwas gehört zu einem persönlichen Gespräch: wir sollten einander achtsam zuhören. Gerade wir Männer neigen gerne dazu, schnell eine Lösung anbieten zu wollen. Kaum hat das Gegenüber angefangen, über das zu sprechen, was es bewegt, meinen wir schon einen Ratschlag geben zu müssen. Das hilft in der Regel nichts. Wir helfen dem Partner viel mehr, wenn wir aufmerksam zuhören. Wir signaliseren ab und zu, dass wir gut zuhören, wir nicken und fragen kurz nach, wenn wir etwas nicht genau verstanden haben. Aber wir reden nicht drein. Es ist eine wunderbare Übung (und nicht ganz einfach), wenn wir miteinander vereinbaren, erst einmal nur zuzuhören. Der eine spricht, der andere schweigt und hört zu. Bei Katharina im Seminar machen wir das oft, aber das lässt sich auch einfach zu zweit üben. 20 Minuten spricht der eine, der andere hört nur zu. Dann werden die Rollen vertauscht. Und danach kann man sich austauschen, wie es war. Und wenn es gewünscht ist, kann man auch seine Meinung zu dem Gesagten äussern.

Wie man das sagt, habe ich heute gerade bei Thich Nath Hanh gelesen, der in seinem Buch „Achtsam sprechen – achtsam zuhören: Die Kunst der bewussten Kommunikation“ über Rechte Rede schreibt. Wir sollen die Wahrheit sagen, das ist klar. Aber es gibt verschiedene Arten, die Wahrheit zu sagen. Thich Nath Hanh lehrt uns, dass das Ziel unserer Kommunikation darin besteht, das Leiden des andern zu verstehen. Wir sollten also nicht bewusst Leiden verursachen. Wenn wir die Wahrheit aussprechen soll Mitgefühl und Verständnis für den anderen die Grundlage sein. Und wir sollten uns bewusst sein, dass es sich dabei um „unsere“ Wahrheit handelt, um unsere Wahrnehmung, die nicht unbedingt der absoluten Wahrheit entspricht. Wir können aber davon ausgehen, dass die Wahrheit beim Gegenüber richtig ankommt und verstanden wird, wenn wir sie aus dem Herzen sprechen. Wenn wir nicht zeigen wollen, dass wir besser sind, uns nicht über den andern stellen und ihn klein machen wollen, sondern mit vollem Mitgefühl sagen, wie wir das sehen, was unsere (bescheidene) Meinung ist.

Aber eigentlich läuft es ja gerade umgekehrt: Es geht nicht darum, die Regeln der richtigen Kommunikation zu lernen und sich so zu verhalten. Es geht darum, dass wir die richtige Haltung einnehmen, dann geschieht automatisch die rechte Kommunikation. Wenn wir bewusst sind, kommunizieren wir bewusst. Und wenn wir merken, dass wir verletzen oder verletzt werden, ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir nicht bewusst sind. Dann dürfen wir dem Gegenüber danken, dass es uns dies aufgezeigt hat und wir daraus lernen dürfen.

 

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