Der tiefere Sinn

Die für mich wichtigste Frage lautet: Was will mir das sagen? Wir können sie uns stellen, wenn es um Ereignisse im persönlichen Bereich geht, um Herausforderungen oder auch bei grösseren Entwicklungen. Also auch bei einer Pandemie, zum Beispiel. Wenn ich mir die Frage so stelle, nehme ich eine ganz andere Haltung ein als die allermeisten Menschen, die sich aktuell zum Coronavirus und dessen Folgen äussern. Die meisten wollen uns etwas erklären, ihre Meinung als die wichtigste verkaufen, sich beschweren, ihrem Ärger Luft verschaffen oder uns von üblen Machenschaften überzeugen, die sie aufgedeckt haben.

Was will diese ganze Geschichte mir sagen? Wenn du dir die Frage so stellst, richtest du den Fokus auf dich. Du anerkennst, dass da ein Ereignis im äussern ist, das in dir etwas auslöst. Und du gehst davon aus, dass da ein tieferer Sinn verborgen ist, der sich dir im Moment noch nicht erschliesst.

Ich breche das einmal auf meine ganz persönliche Situation und Sicht herunter. Vor etwa zwei Monaten hatte ich eine grippeähnliche Erkrankung mit Schnupfen, Fieber und Gliederschmerzen. Ich war nicht so krank, dass ich nicht mehr arbeiten konnte, blieb aber am Wochenende zu Hause. Am Montag fühlte ich mich wieder fit genug zum Arbeiten. Doch dann merkte ich, dass ich nicht wirklich geheilt war. Etwas war in mir und äusserte sich durch Ausschlag. Ich merkte, dass ich mehr Ruhe und Zeit für mich brauchte. Ich gönnte mir dann immerhin zwei Tage Ruhe und konnte mich so weit erholen. Die aufkeimende Diskussion um Corona sorgt dafür, dass ich mir diese zusätzliche Ruhezeit gewährte. Ich merkte, dass ich jetzt besonders gut zu mir schauen sollte. Im Kleinen war das die Antwort auf die Frage, was mir diese Krankheit sagen wollte: Ich muss mir mehr Ruhe gönnen.

Corona kam und mit dem Virus die Massnahmen, die unser Leben abrupt und drastisch veränderten. Mir ging es sehr gut dabei. Im Beruf war ich im Katastrophenmodus: Sehr präsent, moderierend, erklärend und schnell Massnahmen treffend. Privat organisierte ich mit Kollegen eine Nachbarschaftshilfe, für deren Kommunikation ich zuständig bin. Als wir uns dann in einer Männergruppe virtuell austauschten – wir hatten schnell das Format „Männer am Bildschirm“ ins Leben gerufen – merkte ich, dass ich mit meinen vielen Aktivitäten eventuell die Chance hinter der Pandemie verpassen könnte. Andere Männer berichteten davon, wie sie extrem heruntergebremst wurden. Und wie gut das für sie gerade sei. Sie genossen die Ruhe, die Zeit zu Hause und den reduzierten Stress im Geschäft. Und bei mir klang das in der Council-Runde an: diese Zeit nutzen und zur Ruhe kommen.

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Und dann meldeten sich bei mir Schmerzen in der Hüfte. Das hatte ich früher auch schon mal verspürt, es fühlt sich nach einem rheumatischen Schmerz an. Trotzdem ging ich mit meiner Partnerin einige Tage wandern. Die Schmerzen verschlimmerten sich. Auch nachdem wir zurück waren, und ich es eigentlich ruhig angehen konnte. In einer Nacht wusste ich nicht mehr wie ich liegen sollte, weil es mich in jeder Position so schmerzte. Dann rief ich meine Homöopathin und Naturärztin an. Sie verschrieb mir einerseits Weiderindentee (gegen die Entzündung) und ein homöopathisches Mittel. Am übernächsten Tag waren die Schmerzen weg. Ich habe nochmals mit ihr telefoniert und wir sprachen über die Hintergründe. Und darüber, was mir diese Blockade wohl sagen wollte? Und da bin ich wieder, bei dieser entscheidenden Frage: Was will mir das sagen?

Wie finde ich die Antwort auf diese Frage? Ich kenne zwei sehr gute Methoden, die ich dir ans Herzen legen möchte (schönes Bild, nicht?): zum einen Meditation, zum anderen eine Medizinwanderung. In der Meditation lasse ich mich in mich hineinsinken, blende alles äussere aus. Das erreiche ich, indem ich mich auf den Atem konzentriere. Gedanken, die auftauchen, lasse ich vorbeiziehen. Kein Ärger darüber. Einfach damit sein. Es gibt schöne Anleitungen zur Meditation. Mir genügt meistens die Konzentration auf den Atem: ich atme ein…. ich atme aus… bis ich ganz ruhig bin. Dann fühle ich mich von innen heraus, von den Zehen bis zu den Haarspitzen. Und wenn ich eine grosse Frage hatte, formen sich jetzt Antworten. Manchmal weiss ich genau, was zu tun ist, wenn ich aus der Meditation zurückkomme.

Sonst versuche ich es mit einer Medizinwanderung, die ich bei Stefan Wolff in der Manngeburt kennengelernt habe. Kurz gefasst gehe ich mit einer bestimmten Frage im Gepäck eine bestimmte Zeit in die Natur. Wichtig ist, dass ich dabei nichts esse und dass ich am Anfang und am Schluss über eine (imaginäre) Schwelle trete. Dann erzähle ich einer vertrauten Person, was ich in der Zeit erlebt habe. Und dann klärt sich in der Regel die gestellte Frage. Ich erkenne, was mich beschäftigt hat und in welche Richtung ich gehen muss.

So, kommen wir zurück zu meinen Hüftschmerzen. Was wollen sie mir sagen? Sie bedeuten eine Blockade, ganz offensichtlich. Das heisst auch ganz offensichtlich, dass mich etwas bremsen will. Einhalt gebieten will. Und dann wären wir wieder da, wo ich schon mal war, aber im ersten Anlauf nicht wirklich erkannt habe, worum es geht. Und so funktioniert es eigentlich immer im Leben: Wenn ich eine Lehre des Lebens nicht erkenne, dann kommt sie wieder – aber dann meist einen Zacken verschärft. Was ich für mich aus diesen Ereignissen ziehe: Ich werde versuchen, dem Inneren wieder mehr Raum zu geben, mir die Zeit für mich selbst zu nehmen. Und mich nicht vollkommen von meinen beruflichen Aufgaben vereinnahmen lassen. Mich vermehrt der Achtsamkeit hingeben und auch in meiner Männerarbeit mit Hannes bei Männerwelten (wieder) verstärkt auf das Thema Achtsamkeit setzen. Ich möchte das für mich vertiefen und dann auch verstärkt an andere weitergeben. Weil – und damit kommen wir zu einer etwas grösseren Dimension – die Welt das dringend nötig hat!

Jetzt komme ich doch zum Coronavirus und den politischen und gesellschaftlichen Ereignissen. Was will mir das sagen? Und: was will das uns sagen? Was bedeutet dies für die Welt? Ha, das sind jetzt natürlich ganz grosse Fragen, und ich masse mir nicht zu, darauf die Antwort zu kennen. Aber für mich habe ich natürlich eine Antwort gefunden.

Für mich ist klar, dass diese Pandemie und ihre Folgen uns sagen will, dass wir unser System runterfahren müssen. Die Welt erträgt das Tempo, mit dem wir leben und die Rücksichtslosigkeit, mit der wir sie ausbeuten, nicht länger. Die Welt hat Fieber, und das Virus, das es verursacht, sind wir Menschen.

Das Virus und seine menschengemachten Folgen (Lockdown) sollen uns vor Augen führen, dass wir so nicht weiterleben können. Corona ist ein wirklich kleines Problem für die Erde. Das umso grössere Problem ist der von uns Menschen verursachte Klimawandel, der wiederum die Folge unseres unbewussten und verantwortungslosen Handelns ist. Und für mich ist die aktuelle Krise ein klares Zeichen dafür, dass das System, das uns hierhergeführt hat, ausgedient hat. Die Werte der postindustriellen Gesellschaft haben ausgedient. Die Werte der von männlichen Machern geprägten Gesellschaft und Wirtschaft führen uns in den Abgrund. Ich habe es schon früher gesagt, wiederhole mich aber: schaut euch den amerikanischen Präsidenten an. Er ist eine Ausgeburt dieser Werte, die er eigentlich ad absurdum führt. Er zeigt uns die Absurdität unseres Verhaltens ganz offensichtlich auf – nur merken es leider noch nicht alle. Was will uns Trump sagen? Genau das: die Zeit der „weissen Männer“ ist vorbei, beziehungsweise der Gesellschaft und der Werte, die sie verkörpern. Die Zeit der wahren Erwachsenen ist gekommen. Es ist auf der anderen Seite wenig erstaunlich, dass gerade die von Frauen regierten Länder am besten mit der aktuellen Krise zurecht kommen. Jetzt sind keine machtgeilen Egos gefragt, sondern empathische Leaderfiguren, die auch mit Ungewissheit und Unsicherheit umgehen können.

Werden wir als Gesellschaft, als weltumspannende Menschheit, die Lehren aus dieser Krise ziehen? Wenn wir diese Chance packen wollen, müssen wir uns zuerst die Frage stellen, was uns die Krise sagen will. Und dann muss die Mehrheit der Menschen zur Überzeugung kommen, dass sie etwas ändern will. Zuerst bei sich selbst, dann für die ganze Gesellschaft und Wirtschaft. Und wenn wir diese Chance verpassen, werden wir vermutlich eine nächste erhalten. Erfahrungsgemäss wird die nächste Krise dann aber noch heftiger einfahren.

Ihr kennt meine Überzeugung sicher schon: Egal, ob die Menschheit als Ganzes die Chance packt oder nicht – es steht dir frei, sie für dich selbst zu nutzen. Gehe in dich! Es ist genau jetzt die ideale Zeit dafür! Corona sei Dank!

 

 

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