Ego am Werk 2

Ich habe im Oktober einen Beitrag zum damaligen Präsidentschaftskandidaten geschrieben als die Manifestation des Ego. Das Unfassbare ist geschehen, und dieses Ego regiert nun also die USA. Ich habe meine Gedanken von damals aktualisiert. Was hat sich seither verändert?

Viele Menschen reiben sich die Augen angesichts des Schauspiels (Trauerspiels) um die amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Man fragt sich, weshalb ein solcher Mensch (ich meine Donald Trump) es bis zum offiziellen Kandidaten einer Partei schaffen konnte. Und wenn man nun hört, wie er über Frauen spricht, fühlt man sich im falschen Film. Es sind aber zwei verschiedene Dinge: wie wird ein Mensch so wie Donald Trump? Und wie wird ein solcher Mensch Präsidentschaftskandidat?

Im Vergleich zu Oktober hat sich hier „nur“ die Tatsache verändert, dass dieser Mensch nicht mehr bloss Kandidat ist, sondern dass er gewählter Präsident der USA ist. Und es hat sich verändert, dass er nicht nur schreckliche Dinge sagt, sondern dass er sie nun auch tut.

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Schauen wir uns mal das Psychogramm dieses Menschen an. Wobei – was schaue ich da an? Das von Medien (Massenmedien und soziale Medien) vermittelte Bild eines Menschen in einem Wahlkampf, also in einer sehr aussergewöhnlichen Rolle bei Auftritten, die von einem Stab an Beratern geplant werden. Das scheint mir wichtig: ich kenne den Menschen nicht, ich nehme nur ein verzerrtes Bild von ihm wahr. Und bei mir kommt an: da sehen wir das Ego am Werk. Genauso stelle ich mir ein Ego vor, das komplett unbewusst agiert. Das Ego ist eigentlich was ganz Kleines und Unsicheres. Es muss sich aufblasen und über andere setzen, damit es sich gut fühlt. Wobei so richtig gut geht es ihm ja nie. Es kann so viel materiellen Reichtum anhäufen wie nur möglich ist – es kriegt nie genug. Mit dem Reichtum verschafft es sich Einfluss und Macht – und kriegt trotzdem nie genug. Es überhöht sich und schaut auf andere herunter, weil es sich als etwas Besseres sieht. Es schimpft über Menschen, die anders sind – sei es die Hautfarbe, Religion, Kultur oder Geschlecht. Es betrachtet andere Menschen als Mittel zum Zweck, zum Beispiel Frauen als Sexobjekt.

Inhaltlich ist es immer noch das Gleiche, nur dass dieses nimmersatte Ego nun auf dem Gipfel der Macht angekommen ist. Mir fällt auf, wie sehr dieser Mensch bei allem, was er tut, auf die Reaktion der anderen schaut. Nicht, dass er gefallen will. Das Gegenteil ist der Fall. Er freut sich über die Empörung seiner Gegner. Aber sein Ego ist auch sehr leicht gekränkt. Er teilt aus wie ein Berserker, ist aber eine Mimose, wenn es um ihn selbst geht. Und meine Aussage zu anderen Menschen als Mittel zum Zweck sieht man gerade darin, wie er mit seiner Ehefrau umgeht. Ich zuerst, dann kommt lange niemand mehr.

Es stellt das Trennende in den Vordergrund: ich/wir gegen die andern. Und, auch das ist typisch: es sieht sich dauernd als Opfer. Es wird (absichtlich) missverstanden, falsch interpretiert, man schadet ihm, die Umstände haben sich gegen ihn verschworen. Andere ins Unrecht setzen und sich als Opfer fühlen: so funktioniert das Ego. Die Ferndiagnose lautet also: ein komplett unbewusster Mensch, der völlig vom Ego vereinnahmt ist. Da gibt es noch mehr Symptome: angeblich spricht der Mensch ständig nur von sich, alle seine Gedanken kreisen um ihn selbst (und um seinen eigenen Vorteil). Auch beim Nichtbezahlen von Steuern kommt dieser Egoismus zum Vorschein. Ich doch nicht! Was habe ich denn davon? Und dann verleugnet er auch noch den Klimawandel: ist mir doch egal, nach mir die Sintflut.

Momentan schlägt er in einem solchen Tempo auf alles ein, was ihm missfällt, dass noch gar keine Zeit war für die oben beschriebenen „Missverständnisse“. Aber seine diktatorische Art wird zweifellos auf Widerstand stossen. Die „bösen“ Eliten – Anwälte, Wissenschaftler, demokratische Politiker, gebildete Frauen und Männer, Wirtschaftsführer – werden sich dem widersetzen. Die Frauen haben schon eine erste Kostprobe gegeben. Das Ego wird sich auf den Volkswillen berufen und auf seine „Mission“ – die haben solche Menschen immer. Er wird versuchen demokratische Institutionen zu entmachten, kritischen Stimmen den Geldhahn zuzudrehen – und alles mit dem Argument die gute Sache zu verteidigen.

Und was heisst das jetzt für die Gesellschaft, die ein solches Ego zum Präsidentschaftskandidaten macht? Es ist ja nicht so, dass Mister Trump mit seinem Ego ein Einzelfall ist. Das System, das ihn so weit gebracht hat, leidet an der genau gleichen Krankheit. Die „angry white men“, aber auch grosse Teile der wirtschaftlichen und politischen Elite, sind vom Ego geprägt. Ja, das ist eigentlich die am weitesten verbreitete Zivilisationskrankheit, nicht nur in den USA. Unsere Gesellschaften sind geprägt vom Gegeneinander und basieren auf der Ausbeutung anderer Menschen und der Natur. Donald Trump verdeutlicht uns dies. Er steht quasi auf der Spitze des Eisbergs. Seine Funktion besteht darin, uns diesen Spiegel vorzuhalten. Schaut her, wollt ihr so werden oder sein wie ich?

Trump als Symptom für eine kranke Gesellschaft – das ist heute noch klarer als damals.

Und wir dürfen uns selbst fragen: wie viel Donald Trump steckt in uns? Wann behandeln wir andere Menschen so respektlos? Bauen wir auch unsere Identität auf Reichtum und Macht auf? Nützen wir andere Menschen aus? Gerade auch im Kontext der Diskussion um sein Frauenbild: gehen wir respektvoll mit anderen, gerade mit (körperlich) Schwächeren um? Respektieren wir ihren Willen?

Das finde ich ganz entscheidend: Wir müssen uns immer fragen, was das für uns selbst bedeutet. Was ist unser Anteil? Was ist die Botschaft für mich persönlich? Zum Beispiel für mich als weisser Mann. Ich habe damit schon viel mehr mit ihm gemeinsam, als mir lieb ist. Wo leiste ich meinen Beitrag zu Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Respektlosigkeit, Diskriminierung – im Umgang mit Menschen, die anders sind? Wir müssen uns selbst an der Nase nehmen.

Für mich ist Donald Trump ein Zeichen der Zeit. Er hält uns den Spiegel vor, damit wir uns ganz bewusst dafür entscheiden können, dass diese Ego-Welt nicht unsere ist. Wir können uns für ein bewusstes Leben entscheiden, indem wir uns mit allen und allem verbunden fühlen. Ohne eine gesunde Erde gibt es uns nicht. Auf dem Leid anderer können wir kein Glück und keinen Frieden aufbauen. Und das beginnt bei uns selbst. Wenn wir uns ändern, wird sich alles andere auch ändern. Beginne mit einem Lächeln, das von Herzen kommt.

Michelle Obama sagte in einer ihrer bemerkenswerten Reden: „when they go low, we go high!“ Wenn sich das Ego mit seinen Mitteln bemerkbar macht (und es kann laut, aggressiv, gewalttätig, brutal sein), dann dürfen wir uns nicht auf diese Ebene herunterlassen. Wir zahlen nicht mit gleicher Münze heim. Es gilt nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dann hätten wir bereits verloren, wären auf der „dunklen Seite der Macht“. Wir können uns für den Frieden entscheiden, den Frieden in uns, mit uns selbst und mit der Welt. Sogar Trump können wir dankbar sein für all den Dreck, den er aus dem Keller ans Tageslicht befördert. Schaut dieses Ego an. So ist das!

Donald, kannst du das sehen? Ich schenke dir ein Lächeln und wünsche dir Frieden. Peace!

Ich habe in diesem Sinn einen offenen Brief an Donald Trump mitunterzeichnet. Denn dies zu erkennen heisst nicht, dass man es einfach hinnehmen sollte. Es ist die Zeit, in der wir für unsere Ideale einstehen müssen. Wenn sie bedroht sind, erkennen wir, wie wichtig sie uns sind.

—-

Dear Mr. Trump,

This is not what greatness looks like.

The world rejects your fear, hate-mongering, and bigotry. We reject your support for torture, your calls for murdering civilians, and your general encouragement of violence. We reject your denigration of women, Muslims, Mexicans, and millions of others who don’t look like you, talk like you, or pray to the same god as you.

Facing your fear we choose compassion. Hearing your despair we choose hope. Seeing your ignorance we choose understanding.

As citizens of the world, we stand united against your brand of division.

Sincerely,
Rudolf from Switzerland

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