Wozu Leiden?

Das Thema Leiden war in letzter Zeit ziemlich präsent – sei es im Kontext des Karfreitags und der Leidensgeschichte (und Auferstehung) Christi, sei es im Zusammenhang mit dem 600. Geburtsjahr von Bruder Chlaus oder in der Biografie des Buddha. Auch neulich im Film „Die Hütte – ein Wochenende mit Gott“ stand das Leiden eines Vaters über den gewaltsamen Tod seiner Tochter im Zentrum. Und wie er dieses Leiden überwinden und sich befreien konnte. Immer wieder werden Menschen auf ihrem Pfad der Erleuchtung von Leiden erfasst. Leid ist überall sichtbar auf der Welt – in Konflikten, Ungerechtigkeiten, Kriegen, Naturkatastrophen und häufig auch in Familien, in Beziehungen. Wozu dieses Leiden? Brauchen wir Menschen das Leid? Gibt es einen Weg ohne Leiden?

Buddha sah überall Leid und suchte bewusst nach einem Ausweg für alle Menschen. Jesus nahm das Leid auf sich, um uns Menschen zu befreien. Da müsste es also mindestens zwei Wege gehen, die uns aus dem Leid führen. Wobei damit Schmerz, Krankheit und Tod von mir selbst oder meiner Liebsten nicht aus der Welt geschafft werden. Bei Buddha zeigt sich schön, dass es nicht darum geht, diese Dinge zu verdrängen oder beseitigen zu wollen, sondern darum, diese Dinge anzunehmen als Teil eines grossen Ganzen. Ohne dieses (den aktuellen Schmerz) gäbe es jenes (die Freude über die Heilung) nicht. Wir Menschen wissen nicht, weshalb etwas geschieht, weil wir nur einen kleinen Teil des Ganzen sehen. Wenn wir auf Grund unserer sehr beschränkten Sichtweise urteilen, erzeugen wir Schmerz. Erleuchtete Menschen nehmen ein Gefühl so an, wie es ist und urteilen nicht. Schmerz mag da sein, aber er erzeugt kein Leid. Es braucht keinen Schuldigen, um einen Grund für den Schmerz zu finden. Auf diese Weise gibt man den Schmerz nicht weiter, erzeugt bei anderen kein zusätzliches Leid. Wenn ich demjenigen, der mir Schmerz zugefügt hat, vergebe, dann heile ich auch dessen Leid. Dies ist (für mich) die Kernaussage im Film (und im Buch) „Die Hütte“. Das kleine Mädchen wird nicht lebendig, der Tod wird nicht rückgängig gemacht. Aber er wird als unveränderbarer Teil des Ganzen akzeptiert. Die Rolle des Täters wird relativiert, weil auch er nicht unabhängig vom Ganzen agieren kann. Es ist nicht „gut“, was er gemacht hat, aber er konnte nicht anders. Im Film vergeben sich zudem der verstorbene gewalttätige Vater und der Sohn, der ihn vermutlich vergiftet hatte. Damit tritt in dieser Familie Heilung ein.

Ich merke an diesem Punkt, dass diese Argumentation politisch gesehen heikel ist. Ich spreche hier aber nur den individuellen Standpunkt an. Wir verändern die Gesellschaft und die Politik wohl erst, wenn wir auf der persönlichen Ebene diese Entwicklung durchgemacht haben. Ich meine nicht, dass man Gewalttäter frei rumlaufen lassen sollte, weil sie ja selbst auch Opfer sind. Aber wir selbst sollten jenen vergeben, die uns Schmerz zugefügt haben.

Doch zurück zur Frage, ob wir ohne Leiden auskommen könnten. Ist der Weg der Erleuchtung (und Befreiung) möglich ohne zu leiden? Ich habe neulich darüber meditiert, und habe die Antwort erhalten, es sei prinzipiell schon möglich. Es kann sein, dass ein rundum glücklicher Mensch sich freien Willens dafür entscheidet, diesen Weg zu gehen und kompletten inneren Frieden und die Einheit mit allem findet. Denkbar ist das. Aber es ist wohl noch ziemlich die Ausnahme. Und wir sollten nicht darauf hoffen, dass wir es ohne Leiden schaffen. Die meisten Menschen müssen zuerst an einen Punkt gelangen, an dem es nicht mehr weitergeht. An dem die alten Strukturen und die alten Lebensinhalte nicht mehr auszuhalten sind. Wie das geschieht und sich anfühlt, ist für jeden Menschen anders. Die einen werden krank. Bei ihnen zieht der Körper die Notbremse und macht klar, dass es so nicht weitergehen kann. Andere sind so erschöpft, dass sie nichts mehr zu tun vermögen. Sie schaffen es im Job und zu Hause nicht mehr. Wieder andere werden traurig bis depressiv. Einige fühlen sich klein und nichts wert und möchten am liebsten in der Erde versinken. Bei vielen äussert sich diese Entwicklung in der Partnerschaft. Unsere Beziehungen und Familien sind ein wirkungsvoller Nährboden für diese Entwicklungen. Unsere Partner zeigen uns (unbewusst) unsere Grenzen und fordern uns da heraus, wo es schmerzvoll ist. Und hier sind besonders viele Emotionen im Spiel. Wir möchten doch geliebt werden, und nun das! Wir werden sehr unsanft auf uns selbst zurückgeworfen – aber viele brauchen lange (manchmal zu lange), bis sie das merken.

Also, rund um uns braut sich das Unheil zusammen. Probleme im Job, Probleme in der Beziehung, Unzufriedenheit, Krankheit. Mit anderen Worten: Wir leiden. Und dies ist nun eben die wundervolle Gelegenheit, dass wir auf uns selbst zurückgeworfen erkennen, dass wir die Wahl haben. Wir lassen los und übergeben unser Wohl etwas Grösserem. Vielleicht müssen wir zuvor so müde und erschöpft sein, dass sich unser System nicht mehr dagegen wehren kann. Wenn wir an diesen Punkt kommen, wo wir es einfach geschehen lassen, da können wir das Kreuz ablegen. Oder besser: es wird uns abgenommen.

Wenn wir Erzählungen von Menschen hören, die Erleuchtung gefunden haben, kommt fast immer dieser Moment, da der Mensch am Boden ist und nicht mehr kann. Und in diesem tiefen Leiden ist es möglich, den grossen Schritt zu wagen. Man hat nichts mehr zu verlieren (oder hat eigentlich schon das verloren, was einem wichtig schien). Alles, was bisher galt, verliert seine Gültigkeit. Alles geht den Bach runter, aber ich lebe noch. Jetzt bin ich offen für das Neue, für das Grosse. Und dann fährt es ein, schüttelt dich durch. Und danach ist nichts mehr wie zuvor.

Wäre das möglich ohne Leiden? Vermutlich irgendwie schon. Aber das ist gar nicht die Frage. Denn sie geht davon aus, dass das Leiden eigentlich unerwünscht sei und vermieden werden sollte. Und das ist der falsche Ansatz. Das bedeutet, dass das, was bereits ist, nicht angenommen wird. Das bedeutet auch, dass man urteilt und verurteilt. Der Erleuchtete leidet nicht mehr, weil er den dem Leiden zugrundeliegenden Schmerz akzeptiert hat. Und er sucht dafür keinen Schuldigen. Er fragt sich, weshalb dieser Schmerz gerade jetzt ist, fühlt genau, wie er sich anfühlt und versucht zu spüren, was er ihm sagen will. Vielleicht klingt alter Schmerz an, der nun sichtbar und fühlbar wird und der angenommen werden kann. Und auf diese Weise erweist sich der Schmerz nicht nur einfach als tragbar sondern als Geschenk, für das man dankbar sein kann.

So, und nach all diesem Schmerz und Leid wünsche ich dir und mir viel Freude und Leichtigkeit! Manchmal muss man aber einfach durch den Schmerz und somit unten durch, um diese leichten und freudvollen Momente wieder zu spüren oder um einen grösseren Bewusstseinssprung zu machen.

Ein Gedanke zu “Wozu Leiden?

  1. Es ist ein wichtiger Zeitpunkt in jedem Jahr, um gerade über das Leid und die Vergebung nachzudenken. Schön, dass du es angeregt hast.
    Die Vergebung genauso wie das meiste am Leiden hat sehr stark mit unserem Ego zu tun. Es gibt aber ein Leid, der etwas aus der Reihe fällt: das Leiden über Verlust von wichtigen uns Menschen. Es wird mit der Zeit nicht geheilt…es bleibt so lange in uns…bis wir den Tod selbst überwunden haben.

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