Das Märchen vom Prinz und vom Adler, 2. Teil

Im Juli 2013 habe ich das Thema Prinz und Adler nochmals aufgenommen. Die Ausgangslage hatte sich für mich nach meiner Trennung komplett verändert. Hier also der zweite Teil des Märchens, bei dem es darum geht, dass wir uns selbst befreien und lieben müssen/dürfen. Wenn wir unsere Bestimmung erkennen und sie leben, winkt uns Glück und Frieden.

Nicht zufällig endete das Märchen vom Prinz und vom Adler nicht mit „und sie lebten glücklich und zufrieden bis zum Ende ihrer Tage. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“. Die Geschichte war nämlich noch nicht zu Ende. Der Prinz war zunächst wirklich glücklich und auch einen wenig stolz, dass er dem Adler die Freiheit geschenkt hatte. Aber nach jedem Besuch wurde er traurig und es befiel ihn eine Schwere und Wehmut. Natürlich fühlte der Adler dies, und er konnte seine Freiheit gar nicht  unbeschwert geniessen. Er wollte dem Prinzen doch keinen Schmerz zufügen. Und doch taten sie genau dies. Der Prinz trug sich manchmal mit dem Gedanken, den Adler wieder einzufangen und ihn an eine lange Leine zu binden. Dann könnte er ihn immer sehen, wann er wollte. Aber er wusste, dass dies nicht richtig war. Es gab zwar kein geschriebenes Gesetz, das dies untersagte, aber er fühlte es ganz klar in seinem Herzen. Und wenn er tief in sein eigenes Herz schaute, war da noch eine Wehmut, die nichts mit dem Adler zu tun hatte.

Um dem auf den Grund zu gehen, beschloss er auf Wanderschaft zu gehen. Er liess alles zurück und verliess eines Morgens ohne einen Diener oder Begleiter ganz alleine den Palast. Er hinterliess nur eine Botschaft, man solle sich keine Sorgen machen, in spätestens sieben Wochen sei er wieder zurück. Und wer nach ihm suchen sollte, der würde bestraft. So konnte er frei durch das Land ziehen, unerkannt in Pilgerkleidung.

Noch nie hatte er die Schätze und Wunder der Natur so intensiv wahrgenommen. Auf früheren Reisen hatten ihm Diener alle Arten von Pflanzen besorgt – ausgerissen und fein säuberlich präpariert. Jetzt sah er wilde Blumenwiesen, bunt und in einer Ordnung, die nur das Herz erkennt. Anstatt vor ihn her getriebene Tiere zu jagen, begegnete er auf Wegen, Waldlichtungen, hoch oben in den Bergen, an Flüssen und Seen majestätischen Hirschen, scheuen Rehen, lautlos jagenden Eulen – und er sah Adler ihre Kreise ziehen. Er wusch sich in kalten Bächen, kristallklaren Seen und genoss die Verbindung mit den Elementen. Und er vermisste nichts. Rein gar nichts. Keinen Adler, keinen Hofstaat, keine Bequemlichkeiten des bisherigen Lebens. Und allmählich wuchs in ihm eine grosse innere Kraft. Ihm wurde bewusst, dass er ja gar nichts brauchte um glücklich zu sein. Er fühlte sich so reich, dabei verfügte er zum ersten Mal in seinem Leben über keinen materiellen Reichtum. Er lebte wie ein Bettler und fühlte sich reich und frei wie ein König.

Eigentlich hätte er ewig so weiterziehen und weiterleben können. Aber ein Prinz hält sein Versprechen, und nach sieben Wochen kehrte er zu seinem Palast zurück. Erst wollte man ihn nicht hereinlassen, und erst als man ihn gebadet, rasiert und in edle Gewänder gekleidet hatte, erkannte man den Prinzen. Man feierte ein grosses Fest für seine glückliche Rückkehr. Doch dem Prinzen sagte das Leben am Hof nicht mehr zu. Es gab zum Glück mehrere Brüder, die nur darauf warteten, in der Thronfolge aufzurücken. Er verzichtete darauf und gab alle seine Ämter ab.

Dann setzte er sich am Fluss auf eine Bank und sass da. Er sass und schien zu warten. Die Leute schüttelten den Kopf, als er mehrere Tage fast unbeweglich auf der Bank sass und nur ab und zu etwas Wasser zu sich nahm. Aber er schien glücklich zu sein, denn er lächelte unentwegt. Am siebten Tag tauchte dann weit entfernt am Himmel die Silhouette eines grossen Vogels auf. Der Prinz hatte schon lange zuvor den Schrei des Adlers wahrgenommen. Und dieser schien sich Zeit zu lassen, von hoch oben aus den Wolken zum Flussufer herunterzukommen. Doch der Prinz hatte plötzlich keine Eile mehr. Die Zeit war für ihn stillgestanden. Er fühlte, wie in ihm eine ungeahnte Urkraft aufstieg. Sie füllte seinen ganzen Körper, er schien sich auszudehnen. Der Adler landete auf der Bank. Er war gekommen, um sich für immer zu verabschieden. Er konnte und wollte nicht zwischen den Welten leben. Da öffnete sich das Herz des Prinzen, Wogen der Erleichterung durchfluteten ihn. Er sagte zum Adler, dass er dies auch erkannt hatte und dass er sich ebenfalls lösen müsse, um sein eigenes Glück zu finden. Er dankte dem Adler für all die schönen Begegnungen und entliess ihn in die endgültige Freiheit.

Und dann passierte es. Der Prinz wurde durchgerüttelt und geschüttelt. Es war, als ob sich eine Puppe in einen Schmetterling verwandelte. Der Prinz wand sich in Krämpfen – und da verwandelte er sich in einen Adler, einen wunderschönen, majestätischen Adler. Und plötzlich war alles klar! Es war die ganze Zeit um seine eigene Freiheit gegangen, darum seine Bestimmung zu leben! Der Adler spannte seine Flügel in voller Pracht aus, und nach zwei leichten Schlägen segelte er über den Fluss. Als ob er es schon immer getan hätte, schraubte er sich in eleganten Kreisen hoch in die Lüfte. Er stiess einen hohen Schrei aus, den nur der andere Adler verstand. Ja, er dankte ihm für alles und verabschiedete sich von ihm. Der andere Adler schwang sich nun ebenfalls in die Lüfte. Und entschwand den Blicken der Menschen ebenso wie der ehemalige Prinz. Nur dessen Kleider blieben zurück. Die Menschen erzählten sich noch lange Zeit immer phantastischere Geschichten über den verwandelten Prinzen. Aber kaum einer oder eine kam auf die Idee, auch in ihm oder ihr könnte ein Adler stecken, der nur darauf wartet, befreit zu werden.

Der Prinz-Adler wurde nie mehr gesehen – von Menschen. Aber er lebt noch immer (denn das tut er ewig) hoch oben in den Lüften, über den Wolken, am Himmel.

Ich wünsche dir viel Glück und Mut auf deinem Weg!

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