Das Kräuseln auf der Meeresoberfläche

Wie kann man in dieser verrückten Zeit ruhig und gelassen bleiben? Ich habe bei mir selbst bemerkt, wie erstaunlich ruhig ich bleibe, obschon die Welt da draussen doch ziemlich verrückt spielt. Und weil ich auch bemerkt habe, dass in meinem Umfeld (vor allem aber auf den sozialen Medien) viele Menschen das nicht schaffen, möchte ich euch mitgeben, wie ich das «mache». Achtung, das gibt einen längeren Text…

Wir haben gestern in einem Council (Männerwelten, Männer am Bildschirm) darüber gesprochen. Da ist mir klar geworden, dass ich in einer solchen Situation oft in die Rolle des Beobachters gehe. Ich sehe, wie die Welt verrückt spielt. Ich nehme die Kakophonie der «Wahrheiten» wahr und die lauten Schreie aller, die Recht zu haben glauben. Ich sehe die Entscheidungsträger, die ge- und überfordert sind. Ich nehme die Angst wahr und die Wut – die Angst vor dem Virus und die Wut über die Entscheidungsträger. Und ich sehe, wie viele ein bisschen Recht haben, einen Aspekt der Wahrheit sehen – und kaum jemanden, der den Durchblick hat. Und ich sehe viele ältere, weisse Männer, die uns erklären, was gerade wirklich Sache ist. Die Schulmediziner (Virologen, Epidemologen, Internisten, Allgemeinpraktiker), die Alternativmediziner (Naturheilpraktiker, Homöopathen), die Psychologen, die Ökonomen, die Katastrophenmanager, die Politiker und alle, die eins von dem gerne sein möchten.

Wer hat Recht? Was ist die Wahrheit?

Ich fange gerne bei den Tatsachen an, obschon ich am Schluss zeigen werde, dass diese eigentlich keine Rolle spielen.

Was wir wissen – oder eben nicht

Wissen entsteht in jedem einzelnen von uns, indem wir Information verarbeiten. Wir kombinieren, wir verknüpfen mit dem, was wir schon kennen und zu wissen glauben. Wenn eine Information anknüpfen kann, wird sie leichter verarbeitet als eine komplett neue Information, die nicht eingeordnet werden kann. So funktioniert meines Erachtens unser Verstand.

Was ich jetzt beobachte, sind so viele Informationen aus so vielen verschiedenen Quellen, die meistens dazu noch widersprüchlich sind, dass unser Verstand bei der Verarbeitung schlichtweg überfordert ist. Im Minuten- oder Stundentakt prasseln neue Informationen auf uns ein. Was gestern noch klar schien, wird heute schon wieder in Frage gestellt. Das führt zu einer extremen Verunsicherung.

Als Beispiel: Gibt es jetzt dieses Malariamittel wirklich? Wird es uns absichtlich vorenthalten? Kriegen es nur die Superreichen? Ist es vielleicht doch schädlich? Müssen erst noch Tests gemacht werden? Möchte ich eine solche Keule dann wirklich bei mir angewandt haben? Was weiss Bill Gates?

Oder zum Coronavirus: Ist dieses Virus jetzt besonders gefährlich? Im Prinzip ja, aber nur weil es für uns neu ist? Oder doch nur eine leichte Grippe? Oder ein richtiger Killer, der die Bevölkerung dahinrafft? Oder nur die Alten? Ab welchem Alter bin ich alt? Wer ist Risikogruppe? Gehören Grippegeimpfte auch dazu? Ist das Virus nicht besonders gefährlich, aber besonders schnell? Oder wird es so oft entdeckt, weil jetzt gezielt danach gesucht wird? Wie wäre es, wenn man gar nicht testen könnte? Würde jemand bemerken, dass mehr Menschen krank sind als bei einer normalen Grippe? Ist das Virus wirklich neu in China entstanden oder gibt es mehrere Quellen? Lebt es schon länger unter uns? Warum bricht es jetzt aus? Bin ich immun, wenn ich einmal damit erkrankt war? Wie war das mit den indigenen Völkern, die von unserer Influenza dahingerafft wurden? Kann es sein, dass Corona einen ähnlichen Effekt auf uns hat? Ich könnte noch ewig weitermachen. Fragen über Fragen.

Und dann die Entscheidungsträger: Verarschen die uns? Führen sie eine heimliche Agenda, um ihre Macht zu zementieren? Machen sie das Beste für uns, nach bestem Wissen und Gewissen? Warum schliessen sie die Schulen, wenn doch die Kinder gar nicht wirklich betroffen sind? Sollten wir uns nicht besser durchseuchen lassen und auf die Herdenimmunität zählen? Warum fordern das nur die Rechtspopulisten? Hatte Trump eventuell sogar (einmal) Recht? Warum schwenkt er um? Wird ihm das zum Verhängnis? Welche Interessen sind da betroffen? Wer profitiert? Vom Virus? Von den Massnahmen? Wie sieht unser politisches System aus, wenn der Spuk (vielleicht) einmal vorbei ist? Macht der Bundesrat, macht Frau Merkel das Richtige? Warum machen wir es nicht so wie Schweden?

Meine Meinung (keine Wahrheit, nur eine Meinung)

Wollt ihr meine Meinung hören? Ich habe eine – aber ich behaupte nicht, dass sie der Wahrheit entspricht. Wenn ich meine Fragen, die ich jetzt einfach so wiedergegeben habe, anschaue, bewirkt das etwas: Es löst eine grosse Hektik aus. Eine Art Fieber. Diese Fragen runterzuleiern macht atemlos. Wirkt nicht auch Corona so? Fieber, Atemlosigkeit?

Das Fieber ist das Fieber unserer Welt. Die Geschwindigkeit der Verbreitung ist die Geschwindigkeit unseres Lebens. Es ist unsere Vernetzung, unsere Abhängigkeit voneinander – als Individuen und als Gesellschaften. Da hustet jemand in China – und rums, ist die ganze Welt im Fieber. Und dann erfahren wir, wie verletzlich wir sind. Wir als Menschen, wir als Gesellschaft, unsere Wirtschaft, unsere politischen Systeme. Das Virus sind wir. Wir Menschen sind das Virus für diese Erde. Vir heisst auf Lateinisch übrigens Mann. Dieselbe Wurzel. Und Viren haben bei der Entwicklung des Menschen eine wichtige Rolle gespielt. Acht Prozent des menschlichen Genoms stammen ursprünglich von Viren…

Die Angst und die Politik

Noch ein anderer «interessanter» Aspekt ist, wie wir Menschen auf dieses Virus reagieren. Ich habe vorher diese Informationsüberdosis angesprochen. Das schaukelt sich innert kürzester Zeit hoch. Sie führt zu Verunsicherung, und die wiederum verstärkt die Angst. Sie wird zur Panik. Von dieser Angst wird auch die Politik erfasst. Wir erwarten von unserer politischen Führung, dass sie Leben schützt, dass sie uns vor dieser Katastrophe bewahren, dass wir den «Krieg» gewinnen. Und – schwupp! – verwandeln sich die Präsidenten in Generäle. Sie übernehmen das Kommando – und das Volk applaudiert. Nie schart man sich so geschlossen hinter der Führung wie in einem Krieg. Der gemeinsame Feind ist identifiziert, und man muss ihn mit allen Mitteln schlagen. Die Kriegsrhetorik nimmt überhand.

Und dann sollte man sich einmal die Frage stellen, wie man selber reagieren bzw. regieren würde. Angenommen, ich könnte oder müsste entscheiden, wie würde ich vorgehen? Was weiss ich wirklich? Welche Grundlagen haben wir für eine Entscheidung? Soll ich es riskieren, dass Tausende Menschen sterben, weil ich zögerlich handle? Weil ich die Möglichkeit als wahrscheinlich beurteile, dass die Mehrheit eine Durchseuchung gut überstehen würde? Wie grosse wäre der Anteil jener, die es nicht schaffen? Und wenn es «nur» über 80jährige sind? Würden die ohnehin sterben, vielleicht etwas später? Bei der Grippe akzeptieren wir das ja, warum nicht bei Corona? Ist der Tod mit Corona schlimmer als ohne? Oder nur schneller? Was ist mit den Bildern aus den italienischen Spitälern? Will ich so etwas bei uns riskieren?

Und dann: was passiert mit der Wirtschaft, mit der Gesellschaft? «Lohnt» es sich, die materielle Existenz von Menschen aufs Spiel zu setzen? Was ist mehr wert – eine florierende Wirtschaft oder die eben genannten Menschenleben? Was sind die Folgen einer Rezession? Kann ich die in Kauf nehmen? Welche Folgen hat das Ganze für die Gesellschaft? Wie lange werden die Jungen sich einsperren lassen, um die Alten zu schonen? Was passiert, wenn es viele Verlierer gibt? Was geschieht in den Familien? Wie wirkt sich die Einsperrung auf die Menschen aus? Wie lässt sich die Gewalt vermeiden?

Wenn ich mir diese Fragen so vor Augen führe, dann gibt es für mich nur eine Antwort: als verantwortungsvoller Entscheidungsträger würde ich die Leben schützen wollen. Und ich masse mir nicht zu zwischen lebenswertem und nicht-lebenswertem Leben zu unterscheiden. Ich würde dieses Risiko unter allen Umständen zu vermeiden versuchen. Und ich denke, dass man dies gerade versucht. Obschon mir persönlich der schwedische Weg eher zusagen würde: Isolation der Risikogruppen und sonst möglichst wenig Einschränkungen. Das hat (vermutlich/vielleicht/hoffentlich) zur Folge, dass die Jungen ohne grössere Probleme die Krankheit durchmachen und immunisiert werden. Dadurch wird die Ausbreitung gestoppt, und die Risikogruppen können wieder aufatmen. Und die Wirtschaft läuft praktisch normal weiter. Aber eben: ich muss nicht entscheiden.

Was uns die Krise lehrt

Aber ich habe doch gesagt, dass es gar nicht so darauf ankommt. Das war jetzt die Ebene der Tatsachen oder vermeintlichen Tatsachen. Da gibt es keine Wahrheit, nur viele einzelne Tatsachen oder Irrtümer. Die aktuelle Krise hat aber – meiner Ansicht nach – die Aufgabe, uns genau die Absurdität unseres Verhaltens vor Augen zu führen.

Der Verstand kann die ganze Wahrheit nie erfassen. Davon bin ich überzeugt, das habe ich so erfahren. Der Verstand kann sich noch so anstrengen, er ist wie der Mensch im Höhlengleichnis: er erkennt nur die Spiegelung der Wirklichkeit. In die Erkenntnis (die Sonne) kann er nicht schauen. Die Wahrheit erkennt man nur im Bewusstsein, das über dem Verstand liegt, das den Verstand umfasst. Das ist aber kein intellektueller Vorgang, sondern ein Erfühlen. Man erkennt es, wenn man ganz ruhig in sich gehen kann. Es ist das Schauen, wie es Buddha beschreibt.

Diese Krise kann uns zur Frage führen, wer bin ich? Warum lebe ich? Was bedeutet Leben? Was bedeutet der Tod? Wie gehe ich selber mit der Tatsache um, dass ich sterben werde? Was ist dann noch wichtig, wenn ich diese Tatsache akzeptiere? Was bleibt, wenn die Hülle zerfällt?

Die Antwort ist lächerlich einfach: natürlich nicht das Materielle. Wir rennen ganz offensichtlich einer Illusion hinterher – und eines Tages ist es vorüber.

Aber wie komme ich dann von der Ahnung, dass ich was ändern soll zur wirklichen Veränderung? Wie kann ich «richtig» leben? Ich denke, dass im Kern jede Religion eigentlich die Antwort auf diese Frage geben will. Nur haben sich diese Religionen meist in weltlichen Organisationen und in Allmachtphantasien von diesem Kern verabschiedet. Die angeblichen Hüter der Religion waren auch nur Menschen, Menschen mit Schwächen. Und schon bald haben sie sich wieder von der Sonne abgewandt und sich mit den Schatten beschäftigt, die sie bald selbst wieder für die Wirklichkeit hielten.

Manche Menschen (früher hätte man sie wohl Propheten genannt) sagen heute, dass die Zeit gekommen sei, dies zu lernen und uns grundlegend zu verändern. Einige meinen, dass dies die Aufgabe des Coronavirus sei. Ich denke, dass das stimmt. Zumindest teilweise. Ich glaube, dass es einfach eine weitere Chance für jeden einzelnen von uns ist, die richtige Abzweigung zu nehmen. Ich weiss nicht, wie viele solcher Weggabelungen noch kommen. Aber es ist auf jeden Fall eine. Und es ist die einzige, die es jetzt gibt… Man kann geradeaus weitergehen oder man kann sich neu ausrichten und eine andere Richtung einschlagen. If not now, when? Du hast die Wahl!

Wir könnten uns zum Beispiel den wahren Problemen zuwenden, die wir durch unser unbewusstes Handeln verursachen: Hunger in der Welt, Krieg, Klimawandel. Es ist schon interessant, wie so ein Virus uns unser Verhalten nullkommaplötzlich ändern lässt. Wenn die Bedrohung aber viel grösser ist, aber weiter weg und nicht direkt unsere Gesundheit gefährdet, da tun wir uns unglaublich schwer.

Der Weg führt nach innen (immer wieder)

Und die Abzweigung, die es jetzt zu nehmen gilt, führt nach Innen. Wir sind aufgerufen, uns mit uns zu versöhnen. Ich habe das in meinem Blog schon X-mal angesprochen. Und insofern ändert sich eigentlich nichts (zum Beispiel hier).

Draussen herrscht Chaos – das tut es doch immer? Die Menschen leben in Angst und Panik – tun sie das nicht immer? Unser Leben ist bedroht – oh ja, das ist es ständig!

Meine Geliebte sagt jeweils, das alles sei leichter gesagt als getan. Damit hat sie natürlich Recht. Wie kommen wir also dorthin?

Ein erster, ein ganz wichtiger Schritt besteht darin, dass du dir Zeit für dich nimmst. Am besten geschieht das durch Meditation. Meine Partnerin setzt dafür Yoga ein, das Körper und Geist zusammen zur Ruhe bringt. Und dann bist du bereit, die Gedanken beiseite zu lassen und ganz bei dir zu ruhen. Hannes, mein Partner bei Männerwelten, hat mir einen Link zur Anleitung für eine Herzmeditation geschickt. Das ist ein guter Anfang, den du ganz bestimmt schaffst. Und wenn du auf dieser Wegverzweigung richtig abgebogen bist, werden ganz viele Erlebnisse folgen, die dich dabei unterstützen werden. Aber rechne auch mit Hindernissen. Sie sind da, um dich etwas Neues zu lehren.

Dann ist auch eine Pandemie nur ein Kräuseln auf der Meeresoberfläche, das du gelassen annehmen kannst.

2 Gedanken zu “Das Kräuseln auf der Meeresoberfläche

  1. …der Weg führt nach innen, …
    zur Zeit „stolpere“ ich immer wieder über solche und so ähnliche Sätze, …
    vielen lieben Dank für den toll geschriebenen Beitrag, der im Unterschied zu anderen so herrlich unaufgeregt und ehrlich herüberkommt

    Gefällt 1 Person

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