Erwachte Beziehungen

 

Die Form unserer Beziehungen – ich meine die Liebesbeziehungen, Partnerschaften – hat einen grossen Einfluss auf unser Leben. Und wie wir unsere Beziehungen leben, ist direkt abhängig von unserem Bewusstsein. In unseren engen Partnerschaften (auch in der Familie) äussern sich unsere Themen, hier reiben wir uns – und hier können wir uns entwickeln.

Natürlich ist das (auch) bei mir immer wieder ein Thema. Spätestens dann, wenn meine Partnerin vorschlägt, wir könnten wieder einmal eine Standortbestimmung machen. Das ist schon fast ein Ritual. Dabei geht es darum, dass wir aussprechen, wie wir uns in unserer Beziehung fühlen, was gut ist und was nicht. Uns ist wichtig, dass wir unsere Beziehung bewusst leben, nicht „einfach so“.

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Wir möchten auf diese Weise auch verhindern, dass sich Muster einschleichen, die wir eigentlich vermeiden möchten. Neulich haben wir darüber gesprochen, wie wir unser Zusammenleben gestalten – jetzt und in Zukunft. Wir finden, dass wir momentan in einer privilegierten Situation sind, dass wir unsere je eigenen Leben leben dürfen – in eigenen Wohnungen – und dass wir auch Zeit zusammen verbringen dürfen. Diesen Wechsel von Distanz und Nähe geniessen wir beide. Gleichzeitig wissen wir, dass es weniger einfach wäre, wenn wir dieses Wechselspiel in einer gemeinsamen Wohnung beibehalten möchten. Wir haben uns also versichert, dass wir dem Partner zugestehen, dass er seinen eigenen Weg geht. Und wir freuen uns dann, wenn er eine Wegstrecke mit dem andern teilt. Wir haben nicht den Anspruch, dass wir alles gemeinsam tun müssen. Wir haben uns darauf verständigt, dass wir unsere jeweiligen Bedürfnisse aussprechen. Das fühlt sich sehr gut an – und erinnert mich an das Buch von Robert Betz: „Wahre Liebe macht frei!“ Noch vor fünf Jahren war es für mich ein ziemlicher Schock, als ich von Betz mit seinen Aussagen aus der vermeintlichen Komfortzone geholt wurde. Es hat einen kompletten Neustart gebraucht, bis ich zu diesen Aussagen von Herzen Ja sagen konnte.

Es ist aber – natürlich – nicht nur mein persönliches Thema. Ich wurde in jüngster Zeit von verschiedenen Seiten damit konfrontiert. Da ist eine mir nahestehende junge Person, die sich in dem schmerzhaften Prozess befindet, dass sie sich ihres Bedürfnisses nach Freiraum und einer anderen Form der Beziehung bewusst wird. Und ihr Partner dies nicht wirklich nachvollziehen kann, sondern mit Verlustangst und Klammern reagiert. So wie ich damals auch, als meine damalige Partnerin immer deutlicher signalisierte, dass sie Freiraum braucht. Ich habe mir damals nicht vorstellen können, diese Partnerschaft so zu leben, wie ich es heute tun darf. Die Angst den Partner zu verlieren war zu gross. Das Klammern als Reaktion bewirkt dann logischerweise genau das Gegenteil und führt dazu, dass der Partner sich bedrängt und eingeengt und umso unwohler fühlt. Der Partner dieses Menschen, der das Bedürfnis nach Freiraum fühlt, „sollte“ die Chance sehen, dass auch er aus den alten Rollen und Mustern einer Partnerschaft ausbrechen kann. Er „sollte“ – aber es ist letztlich seine bewusste oder unbewusste Entscheidung, ob er darauf eingehen kann oder will. Bei mir hat der Prozess schätzungsweise zwei Jahre gedauert, bis ich erkannt habe, dass ich niemanden „brauche“, um glücklich zu sein.

Da war also diese junge Person, die schon sehr früh fühlt, dass da mehr sein muss als eine traditionelle Paarbeziehung bietet. Und dass dieses Mehr in sich selbst zu finden ist. Wunderbar, aber auch schmerzhaft…

Dann habe ich Beispiele von Paaren gesehen, die in einer ungesunden Symbiose leben. Die einen ziehen zusammen, kaum haben sie sich kennengelernt. Ich meine, die Angst vor dem Alleinsein zu fühlen. Und dabei scheint ziemlich offensichtlich, dass nicht beide glücklich sind in dieser Situation. Und wenn wir nicht jetzt lernen, uns selbst zu lieben und mit uns alleine glücklich zu sein, wird es uns später vielleicht so gehen wie vielen älteren Paaren. Beispiele dafür sehe ich viele: Er ist schwer erkrankt, mittlerweile nur noch stark eingeschränkt mobil. Sie pflegt ihn rund um die Uhr. Eine professionelle Hilfe lehnt er ab. Er „braucht“ seine Partnerin um sich, lässt sich nur von ihr pflegen. Sie kann sich nur für kurze Zeiten und wichtige Aufgaben lösen – und dies noch mit einem schlechten Gewissen. In die Ferien nimmt sie ihn mit – und kann den Urlaub nicht geniessen, da sie ihn weiterhin pflegen muss. Sie würde gerne tanzen – aber das wagt sie sich nicht. Sie müsste sich diese Freiheit nehmen und er müsste sie ihr zugestehen. Aber es geht ja nicht, dass sie es sich gut gehen lässt und er zu Hause alleine ist. Auch das Umfeld würde (vermutlich) negativ reagieren. Also verdrängt sie ihre Gefühle und Bedürfnisse und tut ihre Pflicht. Ist das nicht traurig? So möchte ich jedenfalls nicht alt werden.

Und wenn es dann passiert, wenn der eine Partner pflegebedürftig wird oder nicht mehr mobil ist, dann ist es bestimmt zu spät, um die alten Rollenbilder zu verändern. Wir müssen das jetzt üben. Je früher, desto besser. Und als Eltern können wir es unseren Kindern vorleben, wie man anders als in traditionellen Rollenmustern glücklich sein kann. Beide für sich. Das wünsche ich uns allen und speziell meinen Kindern: Dass wir uns selbst lieben und eine erwachte Beziehung leben können. Meiner Partnerin danke ich von Herzen, dass sie mich regelmässig daran erinnert und diesen Wunsch mit mir teilt! In liebevoller Verbundenheit, auch wenn wir gerade nicht beisammen sind!

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