Freiheit und Verbindlichkeit

Auf den ersten Blick sehen Freiheit und Verbindlichkeit wie ein Gegensatzpaar aus. Freiheit und Verbindlichkeit – geht das denn zusammen? Ist man nicht entweder frei oder gebunden? Ich empfinde aber diese beiden Aspekte als eine wichtige (wenn nicht die wichtigste) Grundlage für eine bewusste Beziehung. In meiner Partnerschaft habe ich das Glück diese zwei Elemente erfahren und geniessen zu können.

Meine Partnerin hat mich neulich wieder einmal (sie tut das regelmässig…) gefragt, wo wir in unserer Beziehung eigentlich stehen. Ich finde das eine wunderbare Gelegenheit, dass wir uns von Zeit zu Zeit in Ruhe hinsetzen und fragen: wo stehen wir? Es geht nicht um ein Unwohlsein oder eine Kritik, sondern darum, sich immer wieder bewusst zu werden, wie wir leben, wie wir unsere Beziehung wahrnehmen. Diese Übung kann man übrigens durchaus auch mit sich selber durchführen. Mit der Zeit bleibt vielleicht diese Haltung ein permanenter Zustand: wir sind uns ständig bewusst, wie es uns geht, wo wir stehen, was in uns vorgeht. Das wäre dann schon sehr hohe Schule…

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Zurück zur Standortbestimmung in einer Beziehung: wenn wir uns bewusst machen, wo wir stehen, verhindern wir, dass sich Routine breit macht, dass wir wunderbare Dinge als selbstverständlich hinnehmen. Es kann auch sein, dass uns bewusst wird, dass etwas in eine falsche Richtung läuft und dass wir ein Thema genauer anschauen müssen. Auch das ist ein schönes Ergebnis, auch wenn es im Moment vielleicht eine Knacknuss darstellt, die nur schwer zu öffnen ist. Und so wie sich ein bewusster Mensch stets seines Zustands gewahr ist, so verhält es sich auch in einer bewussten Partnerschaft.

Wir haben also wieder einmal unseren Standort bestimmt. Und wir haben beide festgestellt, wie schön diese Verbindung von Freiheit und Verbindlichkeit ist, die wir leben. Unsere eigene Freiheit ist etwas sehr wertvolles. Wenn wir frei sind, können wir unser Potential leben. Frei sind wir, wenn wir uns nicht von etwas oder jemandem abhängig machen. Wenn wir aus uns heraus glücklich und erfüllt sind. In einer unbewussten Partnerschaft wird diese Freiheit tendenziell als Gefahr betrachtet. Man hat Angst, der Partner könnte seine Freiheit so auslegen, dass er unabhängig von uns ist. Und schon kommt die Verlustangst ins Spiel. Der Verstand malt sich aus, was der andere wohl machen könnte. Man wird eifersüchtig, argwöhnisch. Und in der Folge versuchen wir den anderen festzuhalten. Wir klammern. Und wir ersticken dadurch die Lebensfreude im anderen – oder treiben ihn dann tatsächlich weg, so dass sich unsere Ängste bestätigen. Aber „wahre Liebe macht frei“, wie schon Robert Betz in seinem lesens- und hörenswerten Buch sagte. Bei mir hat es eine Weile gedauert, bis ich dieses Konzept verinnerlichen und wirklich leben konnte. Das war aber erst, nachdem meine langjährige Beziehung zerbrochen war. Jetzt lebe ich in einer Partnerschaft, die einander wirklich Freiheit lässt. Wir leben unsere Leben. Wir „brauchen“ einander nicht. Aber wir geniessen es umso mehr, wenn wir zusammen sein können.

Und jetzt kommt die Verbindlichkeit ins Spiel. Verbindlichkeit braucht keinen Vertrag. Es bedeutet, dass wir uns – in aller Freiheit – verbinden, dass wir tiefste Intimität zulassen, dass wir einander vertrauen können. Und dass dabei diese Übereinkunft besteht, dass wir uns treu sind. Ja, das trifft es nicht schlecht: wir sind uns treu – im doppelten Sinn: wir sind einander treu und wir sind uns selbst gegenüber treu. Diese Verbindlichkeit kommt also von innen. Sie ist kein Vertrag, der uns beschränkt, der uns unsere Freiheit nimmt. Sondern sie ist eine stille und doch bewusste Übereinkunft, dass wir zusammen sein wollen. Die Partnerschaft wird so Ausdruck der grossen Liebe. Ich spreche nicht von der kleinen Liebe, der „I need you, I want you, I love you“-Liebe. Sondern der „richtigen“ Liebe, die das ganze Leben umfasst und den Partner als besonderen Menschen mit einschliesst.

Und die Wirkung, die ich als Grundgefühl eigentlich stets abrufen kann, besteht darin, dass ich mich ruhig und frei fühle. Und dazu kommt eine grosse Dankbarkeit gegenüber dem Ganzen und meiner Partnerin. Und euch wünsche ich allen, dass ihr das auch erfahren dürft!

Ein Gedanke zu “Freiheit und Verbindlichkeit

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